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Reise der Gegensätze
31. Mai - 10. Juni 2002
Wie kommt man ausgerechnet auf die Idee diese beiden Ziele zu kombinieren? Sicher hat hier das Attentat des 11. September die Wahl der Iceland Air als Fluggesellschaft beeinflusst. Na ja, und wer schon in Reykjavik umsteigt, sollte sich auf jeden Fall für die Stadt, die man hauptsächlich von der Wetterkarte als Zentrum des Islandtiefs kennt, etwas Zeit lassen
Von einem leichten
Regen begleitet landeten wir auf dem Flughafen Kevlavik. Aber Katharina, unsere
Reiseleiterin vor Ort, begrüßte uns freudig mit der Aussage, dass
es die letzten zwei Wochen nur Sonne und blauen Himmel gegeben hätte.
Ob sich das wohl schnell genug wieder
einstellt?
Wir waren skeptisch.
Zuerst fuhren wir über die Halbinsel Reyknes, eine karge Landschaft aus
erkalteter Lava, nach Reykjavik, was übersetzt "die rauchende Bucht"
heißt. Wir, das waren neun muntere Rollifahrer und sechs nicht weniger
fröhliche Fußgänger. Diesmal hatten wir Frauen die Zweidrittelmehrheit,
bei nur fünf "Herren der Schöpfung"! Aber schon am Hoteleingang
waren wir froh über deren Hilfe. Wie versprochen, hatte der Hotelbesitzer
neben der Eingangstreppe eine Rampe gebaut. So ganz entspricht sie nicht der
deutschen DIN-Norm, dazu ist schon der Bürgersteig zu schmal. Sie ist
recht steil mit einem rechten Winkel. Trotzdem eine echte Alternative zur
Treppe!
Der nächste Tag
zeigte uns die Vielfalt der Insel in historischer, gesellschaftlicher und
geologischer Hinsicht, ganz im Gegensatz zu der anfänglich empfundenen
Eintönigkeit.
Zuerst fuhren wir mit dem Bus durch das verregnete Zentrum von Reykjavik,
Katharina erzählte u.a. von der ersten Besiedlung im 9.Jahrhundert durch
Siedler aus Westnorwegen, machte uns auf die Skulpturen von Einar Jonsson
vor dessen zum Museum umgewandelten Haus aufmerksam und erklärte uns,
dass sie nach ihrer Au-Pair Zeit hier "hängen geblieben" sei.
Unser Weg führte dann raus aus der Stadt nach Osten zum Pingvallvatn,
einem See, der die eurasische von der amerikanischen Kontinentalplatte trennt.
Das Gelände am See ist der Ort des Althing, dem jährlichen Versammlungsort
der Isländer vergangener Zeiten. Hier wurden bis zum 14. Jahrhundert
von der Felskante der "amerikanischen" Seite die Gesetze auswendig
vorgetragen; noch 1944 rief man von hier die Republik Island aus.
Weiter ging's über schwarze Lavaschotter-Straßen zum Stori Geysir,
der allen Geysiren der Welt den Namen gegeben hat. Er zeigte keine Aktivität,
aber sein Nachbar, der Stokkur, duschte alle Fotografen, die ihm zu nahe rückten.
Endlich hatte der Regen nachgelassen, und so konnten wir ausführlich
den "Goldenen Wasserfall", den Gullfoss, bewundern. In zwei Stufen
fällt das Wasser, vom Gletscher Langjökull kommend, 11 bzw. 21 m
in die Tiefe. Der Lärm des herabstürzenden Wassers konnte auch nicht
von ca. 25 Jeeps und Landrover übertönt werden, die hier eine Pause
einlegten. Nicht nur für Gerald ergab sich spontan hier der nächste
Traum: "Einmal im Jeep die 1000 km rund um Island fahren!"
Der Rückweg führte uns vorbei an einsamen Höfen mit Schafzucht
und etwas Getreideanbau, wo Bagger und Gräben auf Drainagearbeiten in
den Feldern hinwiesen, und durch den Ort Selfoss. Hier wird die Erdwärme
genutzt, um in Glashäusern Gemüse, Obst und Blumen zu produzieren.
Die Sonne kam zwar raus, aber bevor Sommergefühle aufkommen konnten,
ging es im Nebel über die Höhen zurück nach Reykjavik.
Schon beim Mittagsimbiss hatten uns die horrenden Preise erschreckt. Umso
erstaunter waren wir über die gut besetzten Tische im Restaurant, das
über einen neuen Verbindungsgang direkt von der Rezeption aus zugänglich
ist. Essen gehen ist trotzdem beliebt in Island. Der heutige erste Ferientag
ist ein willkommener Anlass. Um die hohen Kosten aufzufangen, arbeiten die
Isländer stolze 45 Stunden in der Woche! Wir hingegen verkniffen uns
das Glas Wein an der nicht vorhandenen Bar und zogen uns schnell zu unseren
mitgebrachten Getränken zurück. Dankenswerter Weise tolerierte das
Hotel, dass wir am Empfang zusammen saßen.
Der Sonntag begrüßte uns schon beim Einladen in den Bus mit Regen.
Tapfer fuhren wir zum Hafen von Kevlavik, hüllten uns in unsere Regenklamotten
und standen vor der "Moby Dick", mit der wir auf Walbeobachtung
fahren wollten. Ein nettes kleines Schiffchen, aber bei dem Regen?? Und dazu
lag das Deck noch 1,5 m unter der Kaimauer! Aber Wolfgang, die Helfer und
die Besatzung packten alle zu und ehe wir uns versahen, saßen wir eine
Etage tiefer. Leinen los! Zur Belohnung hörte bald der Regen auf, und
wir tuckerten drei Stunden vor Reykjavik auf dem spiegelglatten Atlantik herum,
zuerst begleitet von Möwen und Papageientauchern später von Delphinen.
Nur die Wale ließen uns hängen. Da fährt man nun schon nach
Hawaii, Neuseeland, Alaska und Island und immer sind die Wale gerade nicht
da. Also gut, alle Rollifahrer wieder auf die Kaimauer gehievt, und ab zur
Blauen Lagune zum Aufwärmen.
Blaue
Lagune? Das klingt nach tropischen Buchten mit türkisblauem Wasser, Palmen
und Wärme! Richtig, beim Blick aus dem Bus erinnern die frischen Lavafelder
(erst hundert Jahre alt) zwar an die entsprechenden Flächen der Hawaii
Inseln, aber die Temperatur von 12°C holte uns doch in die isländische
Realität zurück. Aber trotzdem, Wärme bietet das weißblaue
Wasser, das mit 40°C als Abwasser aus einem geothermischen Kraftwerk kommt.
Ursprünglich diente dieser Abwassersee nur den Kraftwerksarbeitern als
Schwimmbecken zu allen Jahreszeiten. Bis es sich auf die Schuppenflechte eines
Arbeiters lindernd auswirkte. Man baute in die Vulkanlandschaft eine großzügige
Badelandschaft mit zugehöriger Psoriasisklinik. Ein Teil von uns stürzte
sich in die Fluten, während wir anderen mit gezückter Kamera hinter
großen Scheiben im Warmen saßen. Aber das Bad war wohl ein Genuss!
Nach einer erholsamen Pause im Hotel und dem Essen nebenan sollten wir eine
arktische Sommernacht erleben. An der ersten Ecke trafen wir Katharina, die
sich eigentlich schon von uns verabschiedet hatte. Sie ging noch bis ins Zentrum,
entlang der Laugavegur mit uns. So erfuhren wir noch, dass diese Strasse früher
der Weg der Frauen bis zum Waschplatz am Rand der Stadt war, und dass die
wichtigsten Strassen im Winter geothermisch von unten beheizt werden um sie
von Eis und Schnee frei zu halten. Ein Luxus, der durchaus auch für private
Grundstücke zu haben ist.
Heute ist der Laugavegur die Haupteinkaufsstrasse mit gepflegten Boutiquen
und Mode aus aller Welt. Die Schaufenster boten uns Einkaufstipps für
den nächsten Tag, auch wenn die Haupteinkaufstätigkeit sicher für
New York geplant war.
Da die Sonne auch abends um zehn noch am Himmel stand, schwammen die Enten
um diese Zeit fröhlich im Tjörnin See herum. Die Kulisse für
diesen idyllischen Anblick bildet das postmoderne Rathaus, das man 1992 in
diesen See hineingebaut hat. Ganz Reykjavik schien den sonnigen Abend zu genießen,
die Straßen waren voll mit Menschen.
Abschließend trafen wir uns im irischen Pub, und feierten bei Klaviermusik,
Songs und Tanz in Wolfgangs Geburtstag rein. Keine nächtliche Dunkelheit
machte uns auf die fortgeschrittene Tageszeit aufmerksam und als wir entlang
der Bucht zurückgingen, schien um halb zwei die Sonne schon wieder hinter
dem Horizont auf den neuen Tag zu warten.
Beim Frühstück strahlte
sie dann über den blauen Himmel; Island wollte sich wohl am letzten Tag
von seiner besten Seite zeigen. So erklommen wir den Hügel, auf dem die
Halgrimskirche steht, und konnten über die Stadt, die Bucht und die schneebedeckten
Berge im Hintergrund sehen.
Die Kirche selbst wurde von 1947 bis 1987 erbaut. Die sechsseitigen Betonsäulen,
die den Turm stützen, sind in Anlehnung an vulkanische Basaltsäulen
gestaltet. Das Kirchenschiff ist zwar schlicht, aber einer gotischen Kathedrale
nachempfunden. 
Mittags wartete im Zentrum der Bus zum Flughafen und unserem Start nach New
York stand nichts mehr im Weg. Wir tauchten nun wirklich in eine völlig
andere Welt ein:
Hier karge gras- und
moosbewachsene Landschaft, dort Strassen, Bürgersteige und Häuser
mit zwei bis 90 Etagen!
Also, weg mit den Wanderschuhen, her mit den gepflegten Pflastertretern!
Hier 12°C, dort
25°C!
Also, weg mit Pullover und Regenjacke, her mit T-Shirt und Sonnenbrille!
Hier in der Region
Reykjavik 170 000 Einwohner, dort allein in Manhattan 1 500 000 Einwohner
und insgesamt ca.10 Millionen Menschen!
Also, Schluss mit der ländlichen Ruhe, 24 Stunden lärmende Metropole!