Ein Bericht von Thomas Huber
Bilder von Rosi Lieser und Wolfgang Mayer

„Der Weg ist das Ziel“ – Mit dem Rollstuhl auf dem Jakobsweg


„Ich bin dann mal weg“ Ein Buch von Hape Kerkeling ist der wohl bekannteste Reisebericht über das pilgern auf dem spanischen Jakobsweg. Eine Reise zu Fuß von Roncesvalles an der französischen Grenze nach Pamplona, über die spanischen Pyrenäen, 742 Kilometer bis zum bekanntesten Wallfahrtsort Europas: Santiago de Compostela. Ein Wanderweg mit strapaziösen Wegen, steilen Strassen und abenteuerlichen Flussüberquerungen. Das alles ist für Fußgänger sicherlich sehr anstrengend und Fußblasen und Sonnenbrand sind vorprogrammiert. Ein beschwerlicher Weg zur Selbstfindung , voller Geschichte und monumentalen Kirchenbauten am Ende jeder Tagesettape. 7 Wochen und länger benötigt ein guter Wanderer für die Strecke.
Für Rollstuhlfahrer also unmöglich! Sicher auf die herkömmliche Pilgerreise mag das ja zu treffen, aber für GRABO-TOURS wohl eher eine organisatorische Herausforderung. Wolfgang Grabowski recherchierte tagelang bei allen Pilgerbüros im In- und Ausland, bei Herbergen und Busunternehmen, Rathäusern und Klöstern, mit dem Resultat: „Tut uns leid aber das geht wohl nicht“.
Über das Internet fand er Wolfgang Mayer aus dem Schwabenland, einen erfahrenen Wanderführer, der den Jakobsweg schon oft mit Gruppen ergangen ist. Mit ihm wurde eine alternative Route zusammengestellt, die nun auch behinderten Gästen die Möglichkeit geben sollte an der Natur, der Atmosphäre des Weges und der Kultur teilhaben zu können.


Pamplona Stierkampfarema

Gruppenbild in Leon

„Ich schieb dann mal los“ könnte ein neuer Buchtitel ab 2007 heißen. Die Reise wurde im Dezember 2006 ausgeschrieben und schon im Januar war ab zu sehen dass es doch einige Mutige behinderte und nicht behinderte Abenteurer gibt die mit Wolfgang Grabowski diese Herausforderung angehen wollten. 7 Rollstuhlfahrer, ihre Begleitpersonen, ein sehbehinderter Ehemann, 3 Helfer und natürlich der Busfahrer vom „Zwingenberger“ starteten mit dem Spezialbus, ausgestattet mit Hebebühne und Bordtoilette Richtung Bordeux an der französischen Atlantikküste bis ins spanische Roncesvalles. Der Pilgerexperte Wolfgang Mayer empfing die neugierige Truppe und begann sofort mit der Einführung für das bevorstehende Abenteuer. In Roncesvalles müssen die Pilgerpässe persönlich abgeholt werden und der erste von über 20 Stempeln wird eingetragen. Der Pilgerpass dient dazu um am Ende der Reise in Santiago de Compostela die Pilgerurkunde mit dem letzten Stempel und der amtlichen Beglaubigung des Pilgerbüros zu erhalten. Auf der Strecke gibt es in vielen Kirchen, Klöstern und Herbergen Stempel mit verschiedenen Motiven und sind am Ende ein originelles, ganz persönliches Souvenier und einmaliges Dokument. Aber noch war gähnende Leere auf den 5 Seiten und keiner der Gruppe konnte sich vorstellen alle Stempel „erpilgern“ zu können.

Der Plan sah so aus, dass natürlich nicht die gesamten 742 KM zu Fuß/Rollstuhl zurück gelegt werden konnte. Es sollte eine Kulturrundreise werden die die wichtigsten Pilgerstädte des Jakobsweges mit Besichtigungen und Führungen durch die Kathedralen und Klöster werden. Also wurden die größten Tagesetappen mit dem Spezialbus und je nach Möglichkeit verschiedene Wanderstrecken zwischen 5 und 20 Kilometer mit dem Rollstuhl zurückgelegt. Unser Reiseführer Wolfgang Mayer war im Bus am Mikrofon und erläutete die ständig wechselnden Landschaften und die Historie des Wandermönchs Apostel Jakobus. Auf den Spuren des heiligen Jakobs pilgerten schon im Mittelalter ganze Heerscharen aus ganz Europa nach Spanien. Von allen Himmelrichtungen werden noch heute Teilabschnitte vielfältiger Pilgerwege von Deutschland, Südeuropa, Skandinavien und sogar Russland historisch belegt. Die Menschen suchten die Nähe zu ihrem Glauben und wanderten daher, vorbei an Klöstern, wo es Speis und Trank gab durch das unerschlossene Europa bis nach Santiago.


„Liftung“ mit Zwingenberger Spezialbus

Reiseroute:
Roncesvalles - Pamplona - Burgos- Ponferrada- Sarria - Lugo- Santiago de Compostela

Es würde hier zu weit führen sämtlichen Paläste, Kirchen und Klosteranlagen zu beschreiben. Es gibt so viele gut erhaltene und teilweise von der EU oder der Unesco restaurierten Prachtbauten die in diesen 2 Wochen besucht wurden, dass es eigentlich nur mit einem Wort zu beschreiben wäre: Sehenswert! Alle Grabo-Gäste haben mindestens 300-400 Bilder und manche das Doppelte verknipst.

Aber die Etappen zu Fuß waren dann doch die beeindruckendsten Momente die allen Teilnehmern für immer in Erinnerung bleiben werden. Es waren Berganstiege von über 20% , bergrunter noch steiler, ebenso zu bewältigen wie die Überquerung von uralten Steinbrücken mit Quadern in der Mitte die so groß waren wie ein Rollstuhl selbst. Auf Geröllwegen ging es teilweise durch unberührte Natur, entlang an gurgelnden Bächen durch malerische Dörfer mit einsamen Haziendas und kleinen Cafes zum ausruhen und erfrischen.
Aber es gab auch oft etwas nicht: „rollstuhlgerechte Toiletten!“ Da kam natürlich der Spezialbus mit dem Fahrer und Besitzer Johannes Fischer zum Einsatz. Bei den Wanderstrecken hielt er da wo es möglich war, um uns „auszusetzen“ und fuhr dann so nah als möglich zum Endpunkt unserer Etappe um uns zu empfangen. Also waren wir auch bei der Toilettenfrage unabhängig. Zum erstaunen aller gibt es aber in Spanien mehr rollstuhlgerechte Bars mit WC wie man meinen möchte. Alle neu gebauten Restaurants müssen seit kurzem über Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer verfügen!!! Bravo.


Jakobusstatue und „Pilgermayer“

Jakobus und „Don Grabo“

„Der Weg ist das Ziel“: So nach und nach füllte sich der Pilgerpass mit vielfältigen Stempeln und die Gruppe wuchs immer näher zusammen. Ein besonderes Abenteuer war eine Bachüberquerung zwischen Ponferrada und Sarria. Nach jeder Wegesbiegung kamen natürlich neue Überraschungen aber nach dieser war erstmal Stillstand. Ein reißender Bach ohne Brücke versperrte der Gruppe den Weg. Unförmige, glitschige Felsen führten durch die überschäumenden Fluten. Es nützte nichts es gab nur ein vorwärts. Also erstmal den mittlerweile ebenso ratlosen Fahrradpilgern geholfen und dann zusammen mit Franzosen, Schweizern, Australiern und zwei Finnen gemeinsam den ersten Rollifahrer abgeholt. 4 Mann bis zu den Knien im Wasser, Wolfgang an den hinteren Griffen und 2 Mann/Frau an den Vorderrädern. So wurde einer nach dem anderen hinüber transportiert und am Ende unter großem Applaus, Umarmungen und nicht endendem Schulterklopfen verabschiedet. Diese abenteuerliche Geschichte eilte uns von nun an immer vorraus. Überall wohin wir in den nächsten Tagen ankamen wurden wir schon mit lauten Pilgerrufen in allen erdenklichen Sprachen empfangen.


Brückenüberquerung flach...

...und steil

Überhaupt das Pilgergefühl: Es kommt nicht im Reisebus sondern draußen bei den Besichtigungen, Rastplätzen und Wanderwegen über einen. Es kommt langsam, schleichend und irgendwie kann sich keiner entziehen. Das Gefühl etwas einmaliges, positives zu tun. Das höfliche Miteinander auf den Strassen und Wegen, in den Hotels und abends bei einem Glas Vino Tinto. Sicher gibt es viele Pilger die aus religiösen Gründen den Weg gehen aber für andere steht die Herrausforderung der Strecke abseits des Massentourismus in erster Linie. Egal warum, spätestens beim Einzug in die Altstadt von Santiago de Campostela hat einem der Jakobusvirus erwischt. Tausende von Wanderen, Bustouristen und Pilgern aus aller Welt treffen sich zur Pilgermesse in der Kathedrale um ihre Ankunft zu sich selbst zu feiern.

Es waren berührende Momente beim Abschied mit dem Reiseführer Wolfgang „Pilgermayer,“ der täglich mehr zur Gruppe/Familie hinein wuchs, dem einmaligen Busfahrer Johannes Fischer, den Helfern Schorsch, Antje und Claudia und natürlich „Don Grabo“ der selbst vom Pilgervirus infiziert wurde und anscheinend nicht mehr geheilt werden möchte…


Ende des Pilgerweges: Kathedrale in Santiago de Compostela

Sellbstverständlich erhielten alle GRABO-Pilger die hoch verdiente Urkunde im Pilgerbüro in Santiago de Compostela. Die Mitarbeiter staunten nicht schlecht als sie das Aufgebot an Rollstühlen und strahlenden Gesichtern vor dem Eingang sahen...

Reiseverlauf:
Die Anfahrt von Deutschland wird mit einer Zwischenübernachtung bei Orleans und die Rückfahrt von Santiago über Sevilla und Frankreich mit drei Übernachtungen auf der Strecke angeboten. Natürlich übernachtete die Gruppe nicht in den viel zu kleinen Herbergen sondern in sehr guten 3-5* Sternehotels in den größeren Städten, teilweise mit lukrativen Abendprogramm. Übernachtung mit Frühstück und Halbpension in Spanien.

RESÜME: Eine ausgeglichene Reisekombination zwischen Kultur, Geschichte und herrlicher Natur. Keine rein religiöse Pilgerreise sondern für jeden etwas. Eine Reise die es so bisher noch nicht gab aber bestimmt im Jahr 2008 wieder angeboten wird. Also ich schieb dann mal los!

Informationen:
Wolfgang Mayer („Pilgermayer“)
72393 Burladingen
www.pilgerweg.de

GRABO-TOURS-REISEN
66903 Ohmbach
Rennweilerstr.5
06386/7744 Fax: 7717
www.grabo-tours.de

Der Zwingenberger
Johannes Fischer
64673 Zwingenberg
www.derzwingenberger.de