Nach Hanoi - der Liebe wegen
Ein Reisebericht von Gabriele Hartmann

„Machen Sie auch Reisebegleitungen nach Vietnam?“ fragte eine männliche Stimme am Telefon. Durchaus – seit fünf Jahren begleite ich Individualreisende weltweit! Der Anrufer erklärte, dass er 55 Jahre alt, Rollstuhlfahrer und aus Sachsen-Anhalt sei. Mich bräuchte er, damit ich ihn in Hanoi als Dolmetscherin auf bestimmte Behörden begleite, um herauszufinden, warum seine Verlobte kein Visum nach Deutschland bekommt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass er die Frau vor zwei Jahren in Hanoi kennengelernt hatte und seitdem zweimal ein Touristenvisum für sie abgelehnt wurde. Jetzt schmort seit Monaten ein Antrag zur Ausreise zwecks Eheschließung irgendwo und die Sache geht nicht voran.

Prompt fielen mir etliche Schauergeschichten zum Thema „Import von Asiatinnen“ ein, aber der Anrufer erklärte schlicht: „Seit ich Chan kenne, hat mein Leben erstmals ein Ziel und einen Sinn. Wenn ich noch länger alleine sein muss, werde ich verrückt!“

Das hörte sich überzeugend an, zumal es sich bei Chan um eine 45jährige Frau handelt, die durch ihre Scheidung nach den Gesetzen der vietnamesischen Gesellschaft als Außenseiterin gilt. Da hatten sich offenbar zwei Verzweifelte gefunden.

Bei einem Schnuppertreffen, das ich grundsätzlich vor so langen Reisen anberaume, merkte ich schnell, dass die Chemie zwischen uns stimmt, klärte die vertraglichen Konditionen und beschloss, das Abenteuer „Hanoi in Sachen Liebe“ mit ihm zu wagen!

Zu meinen Vorbereitungen gehörten Internetrecherchen über Land und Leute und die Lektüre des Buches „Kulturschock Vietnam“. Ich suchte eine Fluggesellschaft, die einen E-Rollstuhl transportiert und fand sie für unseren Termin in Cathay Pacific. Auf den Internetseiten der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes versuchte ich mir einen Überblick zu den diversen Bestimmungen und Formularen für Eheschließungen zu verschaffen. Dann klärte ich mit meinem Kunden, welche von seinen vielen Dokumenten, die mittlerweile gesammelt, beglaubigt, legalisiert und übersetzt worden waren, wir nach Hanoi mitnehmen.

Am 29. November ging es los: Flughafen Frankfurt - Keinerlei Probleme beim Einschecken, freundliches Personal vom Check-in bis zum Gate, die meinen Kunden in einen Bordrollstuhl umsetzten und uns vor allen Passagieren einstiegen ließen. Nach 14 Flugstunden holte uns in Hongkong chinesisches Personal ab und brachte uns zum Anschlussflug nach Hanoi. Während des Fluges beschlich mich immer wieder die Sorge, was wohl passieren würde, wenn es sich die vietnamesische Verlobte inzwischen anders überlegt hatte. Aber: Sie stand lächelnd mit einem Blumenstrauß am Gate und fiel ihm um den Hals. „Mission zur Hälfte erfüllt“, dachte ich erfreut und begrüßte einen Freund, den sie als Dolmetscher mitgebracht hatte.

In einem Großraumtaxi fuhren wir nach Hanoi und landeten in einem Hotel, das noch aus der französischen Kolonialzeit zu stammen schien. Immerhin: Es gab Zimmer mit Bad/WC und Airkondition, Frühstück und Obstschale für 10 Euro pro Tag.

Am nächsten Morgen fuhren wir im Auto des Freundes von unserem Vorort Ha Dong, ca. 15 Kilometer Richtung Innenstadt. Wir reihten uns in einen endlosen Strudel von Mopeds, Fahrrädern und Fussgängern ein, die sich alle ohne eine Miene zu verziehen, ihren Weg bahnten und dabei keinerlei Verkehrsregeln beachteten. Das einzige was zu zählen schien: Es muss immer irgendwie weitergehen. Deshalb beharrt auch niemand auf seinem Recht oder wird rabiat wie in Deutschland, sondern man arrangiert sich irgendwie immer.

Die meisten Verkehrsteilnehmer schützten sich mit Tüchern oder Masken vor dem Gesicht vor den Abgasen. Auch ich hatte das Autofenster sofort wieder hochgekurbelt. Wir überholten Radfahrer mit unglaublichen Aufbauten auf ihren Gepäckträgern: Mehrere Schweine oder sonstige Tiere in Käfigen, die wahrscheinlich bald auf dem Markt landeten und meterhohe Waren aller Art.

Die Häuser am Straßenrand sahen schmal, wie aufeinandergestapelt und oftmals ziemlich heruntergekommen aus, nur hin und wieder Relikte aus der französischen Kolonialzeit. Nach etwa 30 Minuten im Stadtzentrum wurde alles sehr viel weltstädtischer, wir passierten internationale Fünfsternehotels und hielten dann in einer Villengegend mit viel Grün vor einem umzäunten und bewachten Gelände: der Deutschen Botschaft.

Die lange Menschenschlange davor ließ uns bereitwillig den Vortritt als sie den Rollstuhl sahen. Am Schalter übergab uns ein ernster, junger Mann ein weiteres vierseitiges Formular zum Ausfüllen. Das ging in einem Cafe als Gemeinschaftswerk über die Bühne: Ich trug alle Angaben meines Kunden in deutscher, der Freund alle vietnamesischen Namen und Adressen ein. Zum Schluss mussten noch drei Passbilder der Verlobten aufgeklebt werden, was der Freund schnell bewerkstelligte, in dem er zwei Finger Leim im Nachbarladen borgte! Da die Botschaft um 11.30 Uhr jedoch schon geschlossen hatte, verschoben wir die Abgabe auf den nächsten Tag.

Nun sollte die Verlobte zur Feier des Tages einen Ring bekommen. Der Freund führte uns zu einem Juwelier und als das passende Schmuckstück für 99 Euro gefunden war, zahlten wir mit zwei 50-Euro-Scheinen. Als wir gerade den Laden verlassen wollten, brach ein Geschrei los und die Kassiererin rannte mit den Geldscheinen wedelnd hinter uns her und schimpfte. Unser Freund polterte zurück, ein Menschenauflauf bildete sich, die Polizei erschien. Ich kramte aus meinem Geldgürtel einen Hunderter hervor und sagte zu unserem Freund: „Vielleicht kennt sie keine 50iger!“ Und tatsächlich beruhigte sich die Frau nach dem Austausch der Scheine sofort. Inzwischen war auch der Geschäftsführer erschienen, verbeugte sich nach allen Seiten und entschuldigte sich für die Eskalation. Wir verließen schleunigst den Laden, denn ich hatte uns schon alle im Gefängnis gesehen…

Zur Beruhigung gingen wir in ein Restaurant am schönen Ha Tay –See und schon bald konnten wir alle über den Vorfall lachen. Unser Freund bestellte die verschiedensten Fleisch-, Krabben-, Gemüse- und Nudelsorten und zeigte uns, wie man die Stücken im Topf mit heißer Brühe, der in der Tischmitte wie ein Fonduetopf stand, per Stäbchen kurz hineinhielt und dann aß. Davor genossen wir „Canh chua“, süßsaure Fischsuppe mit Tamarinde, Koriander, Basilikum, Minze, Chili, Knoblauch und Zitronengras gewürzt. Wem das noch nicht scharf genug ist, der greift zu der allgegenwärtigen „nuoc mam“, einer salzigen Fischsoße, die auf jedem Tisch steht. Dazu tranken wir Bia Hanoi, das lustigerweise dem deutschen Wort „Bier“ ähnelt.

Fröhlich starteten wir am nächsten Tag den zweiten Botschaftsversuch und wurden bitter enttäuscht: Der Angestellte blätterte die Papiere durch und erklärte: Es fehle die Ledigkeitsbescheinigung der Frau und die Standesamtserklärung des Mannes und sie nähmen nur vollständige Unterlagen entgegen. Alle Versuche, ihn zu einer Ausnahmeregelung zu überreden, schlugen fehl. Enttäuscht stellten wir fest, dass wir ohne die fehlenden Papiere momentan vor Ort nichts weiter vorantreiben konnten. „Immerhin wissen wir jetzt wenigstens was noch fehlt!“ versuchte ich die anderen aufzumuntern!“ Wir beschlossen, das Beste daraus zu machen und die verbleibenden Tage miteinander zu verbringen, zum Sightseeing zu nutzen und dann eben von Deutschland aus weiter zu operieren.

Morgens bestellte ich meist ein Großraumtaxi um mit meinem Kunden Hanoi zu erkunden und mit vereinten Kräften hievten wir den Rollstuhl hinein. Für 5 € fuhren wir zum Hoam Kiem-See, in dessen Mitte ein Schildkrötentempel steht. Eine rote Brücke führt zum Ngoc son Tempel, in dem eine Riesenschildkröte ausgestellt ist, die laut Legende das Schwert des Herrschers Le Thai To, nach dem er die Chinesen aus dem Land vertrieben hat und über den See segelte, entgegennahm und auf dem Grund des Sees versenkte.

Ich kaufte einen Stadtplan und wir besichtigten systematisch die Altstadtgassen, die nach 36 Zünften unterteilt sind: In einer gibt es nur Spiegel, woanders nur Blechsachen, wir sahen Schmiedegassen, Kleiderstraßen, farbenfrohe Dekomaterialien aller Art – auch Weihnachtsschmuck- , Schuhgassen mit fliegenden Schuhmachern, Grabsteine, Juweliere usw. Sie alle bauen ihre Waren sorgfältig vor den Läden auf und warten dann scheinbar Tag und Nacht auf Kunden.

Mittlerweile wurden wir beim Überqueren der Straßen immer mutiger und oh Wunder: Es klappte auch immer reibungslos – niemand überfuhr uns! Ich hatte von einem Vietnamkenner die goldene Regel mitbekommen: „Gehe zielstrebig auf die Straße, überquere sie in gleichmäßigem Tempo, ohne anzuhalten. Stoppst Du oder gehst Du rückwärts, bist Du verloren!“ Diese Regel stimmte – war aber gewöhnungsbedürftig.

Ein Invalide in einem selbst gebastelten Rollstuhl fragte: „How much?“ und zeigte auf Arves Luxusgefährt. Ich antwortete auf englisch: „15.000 Euro!“ Er zuckte zusammen , schüttelte den Kopf – eine unvorstellbare Summe.

Nachmittags saßen wir in der ersten Reihe des Wasserpuppentheaters und genossen das schöne Schauspiel der Holzpuppen und Fabelwesen auf der Wasserbühne. Bewegt wurden sie von unsichtbaren Stangen unter Wasser, die Menschen hinter den Kulissen bedienten. Dazu spielte eine traditionelle vietnamesische Musikgruppe.

Für den Rücktransport stellte ich mich wiederum mutig dem vorbeirauschenden Verkehr entgegen, um ein Großraumtaxi herbeizuwinken. Endlich war es geschafft, aber ich merkte schon nach wenigen Metern, dass dieser Fahrer unser Hotel und den Bezirk Ha Tay offenbar nicht kannte – jedenfalls telefonierte er pausenlos mit seiner Zentrale und wiederholte immer wieder unseren Hotelnamen. Schließlich holte ich meinen Stadtplan hervor und zeigte ihm die Route und dann quälten wir uns durch den abendlichen Verkehr, der noch weitaus schlimmer war als morgens. Die Mopedfahrer wuselten stinkend und knatternd um uns herum und unternahmen waghalsige Überholmanöver auf der Gegenspur, auf Bürgersteigen und plötzlich nach einer Vollbremsung lag einer von ihnen halb unter unserem Taxi. Wir hielten den Atem an, aber wiederum ging es glimpflich aus: Man redete miteinander, half sich hoch, bog das Blech wieder hin und weiter gings. Mitten in den Massen versuchten hilfslose Polizisten und eine Art Schülerlotsen den Verkehr zu regeln - aber niemand achtete auf sie. Alle starren stoisch vor sich hin und wollen nur eines: weiterkommen.

Die übliche morgendliche Frühsportmusik begleitete uns einen Tag später auf unserer Fahrt zur Ha Long-Bucht. Wir überquerten den Roten Fluss, der zur Zeit nur ungefähr die Hälfte seines kilometerbreiten Flussbettes ausfüllte und dann wurde die Gegend sehr schnell ländlich mit Reisfeldern, die Bauern mit ihren Wasserbüffeln durchpflügten. Aber auch riesige Kohlekraftwerke und Keramikindustrieanlagen flogen rechts und links an uns vorbei. Nach zweieinhalb Stunden öffnete sich vor uns die märchenhafte Ha Long-Bucht: Tausende kleiner Kalkfelsen ragten in anmutigen Formationen aus dem smaragdgrünen Meer, umgeben von diffusen Lichtschichten des Golf von Tongking. Eine Märchenbucht – zu recht UNESCO Weltkultureerbe.

Wir charterten eine alte Dschunke für nur 25 € und gingen an Bord. Nach kurzer Fahrt stoppten wir in einer Bucht und besichtigten die „Hang Dau Go“ , eine wunderschön illuminierte, riesige Tropfsteinhöhle. Mit der Hilfe seines Freundes und eines Matrosen schaffte es auch mein Kunde ohne Rollstuhl die 90 Stufen hinauf zum Eingang, den gesamten Höhlenrundgang und anschließend wieder hinunter zum Boot. Wir tuckerten weiter und waren begeistert.

Unser Käpt’n steuerte einen Pfahlbau an, auf dem eine Fischerfamilie wohnte, die in Meerwasserbassins Fische, Krabben und Krebse anbot. Wir suchten unsere Mahlzeit aus und übergaben sie der Besatzung. Bald duftete es köstlich nach Knoblauch und Kräutern und dann schlemmten wir – ein Fest für Gaumen und Augen!

Wieder zurück auf dem Festland zeigt uns der Freund noch eine vorgelagerte Insel, die über eine Brücke zu erreichen war und die den Gästen einer neuen Hotelanlage einen traumhaften Ausblick auf dieses landschaftliche Juwel bot. Auf langen, leeren Strandstücken verkündeten bereits Schilder, dass in naher Zukunft alles zugebaut sein würde. Wir plantschten mit den Füssen im Wasser und atmeten noch einmal tief durch, denn nun ging es wieder in die abgasverseuchte Großstadt zurück.

Fast jeden Tag wurde in unserem Hotel geheiratet und immer mit Mengen feierlich gekleideter Gäste, die Geldumschläge in eine rote, herzförmige Kiste fallen ließen. Im Reiseführer stand, dass sich viele Paare hoch verschulden, um solche Riesen-Feiern ausstatten zu können, aber tun sie es nicht, gibt es angeblich Unglück!

Einmal fuhren wir zum Bai-Man-See, der von einem großen, umzäunten Park umgeben ist – etwa so wie in Deutschland ein Bundesgartenschau-Gelände. Wir spazierten am Ufer entlang unter schattigen Bäumen und beobachteten die Leute. Sonntags scheint man auch hier gern spazieren zu gehen und sich dabei von professionellen Fotografen ablichten zu lassen. Vor allem die Kinder wurden in allen Posen fotografiert und uns fiel mal wieder auf, wie viel überdurchschnittlich gut aussehende Menschen es gibt. Alle sind schlank und die meisten haben eine gute Haltung, obwohl fast jeder in Gummibadelatschen herumläuft.

Immer wieder sahen wir Internetcafes und ich beschloss, eins auszuprobieren. Für 1000 Dong , also 5 Cent, schrieb ich mehrere Mails an die Lieben daheim.

Auf dem Weg zum berühmten Literaturtempel Hanois, kamen wir am Goethe-Institut vorbei. Nebenan gab es ein Goethe-Cafe und wir beschlossen, heute mittag dort essen zu gehen. Mein Kunde hatte in den letzten Tagen öfter mal den Wunsch nach Schnitzel oder Bratkartoffeln geäußert.Und er wurde nicht enttäuscht: In einem schönen ruhigen Innenhof -ohne Abgasgestank- standen weißgedeckte Tische mit Stoffservietten und silbernem Besteck. Freundliche Kellnerinnen brachten uns die Karte und wir entdeckten lauter deutsche Gerichte! Mein Kunde wählte Kohlrouladen mit Kartoffelpürree und wir lachten bei dem Gedanken, mitten in Hanoi deutsche Hausmannskost zu essen.

Gegen Abend, wenn Chan nach der Arbeit ins Hotel kam, brachte sie meist etwas selbstgekochtes mit: gegrillte Maiskolben oder Frühlingsrollen. Die Verständigung war nicht einfach – Zeichensprache oder Wörterbuch - aber wir kamen klar. Oft gingen wir dann zusammen spazieren. Immer stellte mein Kunde die Sensation im Straßenverkehr dar: Jeder lächelte ihn an, berührte vorsichtig den Rollstuhl oder rief ihm irgendetwas zu. Seine Verlobte kaufte fliegenden Händlern immer wieder neue Speisen ab, die sie uns als Kostproben anbot: Ich schmeckte Kohlrabiartiges oder gesüßte Klebreishäufchen.

Manchmal führte sie uns in eine der Garküchen. Von meinem Mini-Plastikstühlchen aus, konnte ich die Köchin gut beobachten: Vor ihr ein schmaler Tisch auf dem sie die Teigplatten für die Frühlingsrollen flachklopfte, mit Öl bestrich (aus Topf 1 unterm Tisch), dann mit Gemüse oder ähnlichem füllte (Topf 2 und 3 ). Sodann wanderten die Rollen in einem Topf mit Fett auf einem Öfchen, rechts neben ihr, wurden mit Hilfe von Stäbchen gedreht und gewendet, bis sie auf Plastiktellern landeten, die mit einem immer gleichen Lappen nach jeder Benutzung abgewischt wurden. Komplettiert wurde die Mahlzeit mit Reis (aus Topf 4 links neben ihr). Zwischendrin bezahlten die Kunden, die fertig waren. Sie: Hand aus dem Essen, Geldscheine entgegennehmen, verstauen und gleich strich ihre ölige Hand wieder über die nächste Teigschicht! Als ich die dauerbenutzten Stäbchen sah, kramte ich zum ersten Mal meine eigenen hervor, die ich zur Vorsicht mitgebracht hatte. Aber es schmeckte alles sehr gut!

Der letzten Morgen nahte und mein Kunde geriet in wehmütige Abschiedsstimmung. Er schwärmte mir vor, wie schön das Leben zu zweit sei und wie furchtbar seine bisherige Einsamkeit.
„ Jetzt wird mir meine Bude zuhause noch leerer vorkommen!“ seufzte er.
„ Aber das ist doch nur noch eine Frage der Zeit!“ versuchte ich ihm Mut zu machen. Ahnte aber gleichzeitig, dass der Kampf mit der Bürokratie noch lange nicht ausgestanden ist.

Am 9. Dezember landeten wir um 5 Uhr morgens wieder in Frankfurt. Minus 2 Grad erwarteten uns nach zehn Tagen mit sommerlichen Temperaturen. Diesmal dauerte es länger, bis der Rollstuhl gebracht wurde, denn die Luft war komplett aus den Reifen herausgelassen worden und 100 Kilo ohne Luft zu bewegen ist nicht so einfach. Mit Hilfe des Kompressors meines Kunden konnte er bald wieder richtig rollen.

Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander und dann sprintete ich zum Bahnhof, um so schnell wie möglich den nächsten Zug nach Berlin zu bekommen. Ich hatte unbändige Lust auf einen Cappucino, eine deutsche Zeitung und ein Vollkornbrötchen mit Käse.

Im Zug nach Berlin zog ich Bilanz und stellte fest: Von der emotionalen Seite her war die Reise ein Erfolg, denn mein Kunde hatte seine Verlobte wiedergesehen und Chan hatte nach zwei Jahren bekräftigt, dass sie immer noch mit ihm zusammen leben wolle. Auf der Positiv-Liste der Reise stehen auch das Land und die Leute: Mit welcher Freundlichkeit und Natürlichkeit sie behinderten Menschen begegnen – was für ein Kontrast zu Deutschland! Wir hatten keine einzige unangenehme Situation erlebt. Wenn jetzt noch die Unterlagen rechtzeitig zusammengetragen werden, könnte alles gut gehen. Aber wird das so einfach gelingen? Nach drei Monaten sind alle gesammelten Dokumente wieder ungültig, dann geht der ganze Behördenkrieg von vorne los! Vielleicht hat es geholfen, dass wir in Hanoi die Pagode des Glücks besichtigt und um eine glückliche Zukunft gebeten und dafür auch geopfert hatten…

Gabriele Hartmann

Infos:
Vietnamreisen kann man bei vielen Reiseveranstaltern buchen.
Individuell kann man mit Fluggesellschaften wie Vietnam Airlines, Cathay Pacific, Thai usw. anreisen. Flugdauer zwischen 14 und über 20h, je nach Zwischenlandungen.

Visa für einen Monat bei der Botschaft Vietnams in Berlin (56 Euro), Tel: 030/536300. Beste Reisezeit von November bis April. Geld: ein Euro ca. 20.000 Dong. Literatur: „Kulturschock Vietnam“, und Vietnam-Reiseführer aus dem Loose Verlag und von Marco Polo.

www.vietnamtourism.com
www.indochina-services.com
www.vietnamadventures.com
www.vietnamonline.com
Reisebegleitung: www.helpinghand-reisebegleitung.de