Chicago

Die „windige“ Stadt am Lake Michigan

(18. - 25. September 2006)


Motivation für diese Reise war einerseits Wolfgangs Begeisterung für diese Stadt, nachdem er nach einer Vorausexkursion Chicago über New York stellte, und andererseits die Bekanntschaft zu Annemarie Stohl.
Man mag es kaum glauben, aber es ist schon fünf Jahre her, dass sie und eine Kollegin Wohnung und Auto getauscht haben und sie für ein Jahr bei uns am Gymnasium Brede unterrichtet hat. Sie muss sich hier recht wohl gefühlt haben, denn im letzten Jahr war sie wieder zu Besuch und nicht nur ich habe mit ihr interessante Stunden verbracht. Als sie abgereist war, stellte sich für mich die Frage wann und wo man sich wieder sehen würde.
Zu meiner Freude enthielt das Reiseprogramm von Grabowski-Tours einen Trip nach Chicago. Da er 2005 nur kurzfristig im Programm war und mangels Interessenten nicht zustande gekommen war, habe ich diesmal sofort gebucht.

So trafen wir uns am Montag, dem 18. September, auf dem Frankfurter Flughafen. Wir waren eine Gruppe mit fünf Rollstuhlfahrern und fünf "Fußgängern". Nach den Attentatsversuchen von London war uns etwas mulmig zu Mute und wir waren gar nicht böse über die doppelten Sicherheitskontrollen, auch wenn es unangenehm ist wie bei einer Verhaftung ohne Schuhe und ohne Gürtel und mit leeren Taschen durch die Kontrolle zu gehen. Eine zusätzliche Beruhigung war die Tatsache, dass wir mit Lufthansa flogen.
Aber trotzdem stand unser Start unter einem schlechten Stern. Beim Rollen über das Vorfeld hat sich eine Stewardess so den Finger geklemmt, dass sie das Flugzeug wieder verlassen musste. Um wenigstens einen Teil unserer zweistündigen Verspätung einzuholen wurde das Flugzeug voll getankt und dann ging es endlich los!


Chicago - die Stadt des Gangsterbosses Al Capone, der Prohibition (Alkoholverbot in den USA 1920 – 1933) und des Blues während der Goldenen Zwanziger, der Schlachthöfe des 19. und 20. Jahrhunderts aber auch des Songs "In the Ghetto" von Elvis Presley.
Auf der anderen Seite stehen die ersten Stahlbetonhochhäuser sowie die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts mit ihren gewaltigen Wolkenkratzern.

Und genau diese Wolkenkratzer präsentierten sich in ihrer ganzen Pracht gleich am ersten Abend. Es war schon dunkel als wir nach neunstündigem Flug auf dem größten Flughafen der Welt, Chicago O’Hare, landeten. Dort erwartete uns Hubertus, unser Reiseleiter vor Ort, und ein kleiner Bus mit einer Hebebühne für Rollstuhlfahrer. Der Weg ins Zentrum dauert sogar abends eine Stunde. Zuerst sahen wir sie von weiten, die dunklen Wolkenkratzer mit ihren beleuchteten Fenstern, und dann fuhren wir mitten durch sie hindurch. Unser Hotel „The Seneca“ steht direkt neben dem Hancock Center, mit 100 Stockwerken das zweitgrößte Gebäude der Stadt.

Am ersten Morgen griff ich dann zum Telefon und rief bei Annemarie Stohl an. Inzwischen ist sie im Ruhestand, oder besser Unruhestand wie ich feststellen konnte, aber sie war zuhause. Auf ihre Frage wie denn unser Programm aussähe, konnte ich ihr keine richtige Antwort geben. Aber wir waren fest entschlossen uns zu treffen. Und das war gar nicht so einfach wie ich mir das gedacht hatte. Also befragte ich erst einmal Hubertus nach den Plänen für diese Woche. Zur Antwort bekam ich aber nur die Aussage, dass das vom Wetter abhängen würde. Damit war ich auch nicht viel schlauer. Aber aus den verschiedenen Aussagen erfuhr ich im Laufe des Tages immerhin, dass es geplant sei an einer abendlichen Schifffahrt auf dem Michigan See teilzunehmen.
Da man für gewöhnlich in seinem eigenen Umfeld solche Aktivitäten nicht unternimmt, schlug ich Annemarie vor doch diesen Abend mit uns zu verbringen. Gesagt, getan! Wir verbrachten den ersten Tag mit einem Ausflug zum Navy Pier, der uns hinaus auf den Lake Michigan führte, so dass sich vor uns nun bei Tageslicht die Skyline von Chicago aufbaute. Gerade wenn man aus so einem kleinen Städtchen kommt, wie Brakel es nun mal ist, steht man erst einmal atemlos vor diesem Anblick!

Aber auch Chicago hat so klein angefangen und seinen Namen von der Bezeichnung der Indianer für die wilde Zwiebel (Checagou), die in den feuchten Wiesen am Lake Michigan im 18. Jahrhundert wuchs. Zu dieser Zeit kamen die ersten Jäger und Fallensteller in diese Gegend. Aber schon im Jahre 1837 wurde die Siedlung mit nur 2500 Einwohnern zur City erklärt. Und bereits 1890 hatte die Stadt mehr als eine Million Einwohner. Sie war zu einem wichtigen Handelsposten als Knotenpunkt von Handels- und Schifffahrtswegen geworden, wie über Kanäle zum Mississippi und über die Großen Seen und ab 1959 über den St. Lorenz Seeweg zu den anderen Industriestädten und zum Atlantik. Im Hafen wurden und werden Getreide- und Fleischprodukte verladen und Rohstoffe sowie Fertigprodukte gelöscht.

Als Kontrastprogramm fuhren wir dann wieder zum Hotel zurück und gleich hinauf in die 94. der 100 Etagen des Hancock Center. Dies ist die Aussichtsplattform für alle Besucher der Stadt. Nach Süden sieht man von hier über den zentralen Bereich, der hier "Loop" genannt wird, nach der Hochbahn, die mit einem Höllenlärm wie eine Schleife diesen Bereich umfährt. Dies ist das Gebiet südlich des Chicago River mit seinen Verwaltungs- und Geschäftshochhäusern.
Von Westen kommt, wie mit dem Lineal gezogen, eine achtspurige Autobahn (Interstate Highway) auf die Stadt zu und löst sich dann in Straßensystem des Zentrums auf. Man blickt bis zum Horizont in die Ebene des mittleren Westens über die rechtwinklig angeordneten Wohnsiedlungen dieses Ballungsraumes von sieben Millionen Menschen. Aus Nordwesten kommend pflügt sich der Kennedy Highway parallel zur Hochbahn durch die Wohngebiete, begleitet von Supermärkten, Werkstätten und Kleinindustrie.
Nach Norden erstreckt sich die Front zum See mit dem Lake View Drive und einem breiten Sandstrand. Im Hintergrund unterbricht der Lincoln Park das Häusermeer und lockert damit das Bild auf.
Von einem solchen Anblick kann man sich dann kaum noch losreißen, sieht man doch unter sich die ganze Dynamik eines ganz normalen Alltages. Aber da wir nicht den ganzen Tag hier verbringen konnten, " trösteten" wir uns mit dem Einfall in den ersten Souvenirshop im Erdgeschoss.

Der Nachmittag galt dann einer Stadtrundfahrt, die uns zuerst in den Lincoln Park führte, wo uns plötzlich ein Eisbär ignorant sein Hinterteil zukehrte. Ohne es zu merken, waren wir in den Zoo geraten, der aufgrund seines Stiftungscharakters eintrittsfrei ist. Die Hochhäuser um den Park dienen der Wohnfunktion oder sind Hotels, was auf den hohen Freizeitwert dieses Stadtteils schließen lässt.
Am Schluss spuckte uns der Bus südlich des Chicago River aus, wo zur Jahrtausendwende der Millenniumspark entstanden ist. Ein altes Sportgelände wurde von dem auch in Deutschland bekannten Architekten Frank Gehry mit einer Bühnenkonstruktion aus beweglichen Aluminiumteilen versehen, so dass ein großes Gelände für Openair Veranstaltungen entstand. Von da windet sich wie eine Schlange ein mit glänzend gebürsteten Stahlblechen überdachter Fußweg durch den Park und über die Schnellstraße bis zum Seeufer. Seine Neigung beträgt 5%, so dass er auch Rollstuhlfahrern den wunderschönen Blick über den Grant Park, den Yachthafen und das Seeufer ermöglicht.

Ein Stück weiter steht der Crown Brunnen, ein Brunnen mit zwei 17 m hohen Quadern, die aus Glasbausteinen bestehen. Auf ihre Fläche werden Gesichter projiziert, die Kunststudenten von tausend von Bürgern aller sozialen Schichten und aller ethnischen Gruppen dieser Stadt aufgenommen haben. Sie lächeln einen an oder zwinkern mit dem Auge und spitzen dann ihren Mund. An dieser Stelle tritt dann ein Wasserstrahl aus der Mauer hervor und ergießt sich in das Becken.

Der spanische Künstler Jaume Plensa zieht damit die Verbindungen zu historischen Brunnen, bei denen Wasser aus den Mündern von Göttern oder den Mäulern von Fabeltieren sprüht. Danach verschwindet das Bild, Wasser läuft über alle vier Seiten der Quader und dann erscheint ein neues Gesicht. Wir stellten uns vor wie sich Kinder und sicher auch Erwachsene an den schwülheißen Tagen des Chicagoer Sommers in diesem Brunnen unter dem Wasserstrahl abkühlen.

Ein Stück weiter liegt auf einem großen Platz eine riesige Skulptur in der Form einer Bohne, die chromglänzend poliert ist. Dieses Monument ist das so genannte „Cloud Gate“, bestehend aus 110 t Stahl, ist 22 m lang und 11 m hoch. Gerade jetzt in der Abenddämmerung spiegelten sich in diesem Monument die Hochhäuser und der Himmel. Der in London lebende Künstler Anish Kapoor (1954 in Bombay geboren) kommentiert sein Kunstwerk folgendermaßen:
"What I wanted to do in Millennium Park is make something that would engage the Chicago skyline... so that one will see the clouds kind of floating in, with those very tall buildings reflected in the work. And then, since it is in the form of a gate, the participant, the viewer, will be able to enter into this very deep chamber that does, in a way, the same thing to one's reflection as the exterior of the piece is doing to the reflection of the city around." - Anish Kapoor

Man braucht in Chicago nicht weit zu gehen, (wirklich gehen! nicht mit dem zu Auto fahren), um Plätze zu finden, die der Ruhe und vielleicht sogar eine gewisse Besinnung gelten können. Und so fiel uns auf, dass die Menschen trotz des hektischen Alltages eine gewisse Ruhe und Gelassenheit hatten. So ist es zum Beispiel immer wieder passiert, dass die Passanten stehen blieben, damit wir Touristen unsere Fotos schießen konnten. Und zwar nicht nur einzelne sondern jeder, der vorbeikam!

Diese Freizeitorientierung der Innenstadt hängt sicher damit zusammen, dass auch mitten im Zentrum eine ganze Menge Menschen wohnen. Schon die Marina Towers waren das erste Projekt der „City in der City“, bei denen alle Lebensfunktionen (das Auto parken in den unteren Etagen, Einkaufen darüber, Arbeiten im Büro darüber und Wohnen in den oberen der 82 Etagen) in einem Gebäude stattfinden. Auch das Hancock Center ist ähnlich strukturiert. Gerade Ehepaare, bei denen die Kinder ausgezogen sind und denen Haus und Garten zu mühsam werden, ziehen zurück in die Innenstadt. Oft leben sie in einem 1- oder 2-Zimmerappartement in einem der Hochhäuser, möglichst mit Blick auf den Lake Michigan. Diese Situation habe ich mit Annemarie diskutiert, die aber selbst der Meinung war, dass dieses Leben für eine Weile ganz schön sein mag, aber sicher nicht für das ganze Jahr. So ergibt sich ein Kreislauf: Singles und junge Ehepaare wohnen und arbeiten im Zentrum, mit ihren Kindern ziehen sie an den Stadtrand und später kehren sie ins Zentrum zurück.

Gerade weil der Computer auch in den Büros immer mehr Arbeit übernimmt, reduziert sich nicht nur die Zahl der Arbeitnehmer sondern auch der Bedarf an Bürofläche. Gerade neben dem Sears Tower mit noch 10.000 Arbeitsplätzen wurde ein 16-stöckiges Gebäude in ein Appartement Haus umgewandelt.
Der nächste Tag erfreute uns mit blauen Himmel und strahlendem Sonnenschein. Wir nutzen das schöne Wetter um per Bus und auch zu Fuß die verschiedenen Teile der Stadt rund um den Central Business District (CBD) anzusehen. Wir begannen am Wohnhaus des Architekten Frank Lloyd Wright, dessen Häuser im Stil der Bauhaus-Architektur gestaltet sind. Wir befanden uns hier in einem besseren Wohngebiet mit Einfamilienhäusern, deren Holzbauweise typisch amerikanisch ist. Aber nur ein paar Straßen weiter sah es schon ganz anders aus. Hier stiegen wir lieber nicht aus sondern betrachteten die verwahrlosten Straßen aus dem Auto.


In der Nähe der Hochbahn gab es ein von deutschen Siedlern in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erbautes Viertel, dessen Häuser noch Ornamente des Jugendstils aufwiesen. Andererseits stehen hier auch große Wohnblocks, in deren Erdgeschoss die nötigen Geschäfte und Büros vorhanden sind. In größeren Abständen gibt es dann Schulzentren und Sportplätze. Und im Hintergrund begleitete uns immer die Skyline der Wolkenkratzer.

Am Abend widmeten wir uns dann der Musikszene. In Chicago wird behauptet, dass der Blues hier entstanden ist und dann erst seinen Weg nach New Orleans gefunden hat. Ich denke mal im Süden der Vereinigten Staaten sieht man das etwas anders. Wir begaben uns in die führende Blueskneipe der Stadt „Buddy Guy’s Legend" und harrten der Dinge, die da kommen. Zuerst gab es Essen im Stil der Südstaaten und dann spielte die Band von Charlie Love. Leider war der Raum viel zu niedrig für die Lautstärke der Musik. Wenn ich die dort gekaufte CD auf meiner Anlage laufen lasse, komme ich durchaus in den Genuss des Blues. Aber müde wie wir an diesem Abend waren, fuhren die ersten gegen 11 Uhr mit dem Taxi nach Hause und auch der Rest war schon Mitternacht wieder im Hotel.

Auch der Donnerstag war ein wunderschöner Tag, der uns zuerst ins Aquarium führte. Ein Museum mit allen Fischen dieser Erde einschließlich Delphinen mit Delphinschau, Pinguinen und Seepferdchen, die man kaum erkannte, weil sie original wie die Schlingpflanzen aussahen, die im Meer wuchsen..

Aber sehr schnell saßen wir wieder draußen im Gras mit dem Blick auf Chicago, den Hafen und die große Wasserfläche des Lake Michigan. So sitzt man einfach nur da, betrachtet die Flugzeuge, die über die Stadt ziehen, und die einlaufende Viermastbark. Am Nachmittag war es dann endlich soweit! Annemarie Stohl kam in die Lobby des Hotels und wir erzählten uns alle Neuigkeiten des letzten Jahres. Eine ihrer Aufgaben ist es jetzt als Fremdenführerin den Touristen die Architektur der Stadt vom Chicago River aus näher zubringen. Spezialisiert ist sie dabei natürlich auf deutschsprachige Touristen. Mehrmals in der Woche unterrichtet sie Englisch für Zuwanderer. Ansonsten freut sie sich immer ihre kleine Enkelin zu treffen.


Abends um acht legte dann die "Spirit of Chicago" ab und fuhr mit uns ins Hafenbecken hinaus. Es war ein netter Musikdampfer, der nur von zwei Gruppen besetzt war. Draußen auf dem See war der Seegang erstaunlich heftig, was es zum einen erschwerte die Teller vom Buffet an den Tisch zu balancieren und zum anderen die nächtliche Skyline auf den Chip der Digitalkamera zu bannen.
So mussten wir diesen überwältigenden Anblick in unserer Erinnerung speichern und erst als der Kapitän in das äußere Hafenbecken zurückkehrte, fuhr das Schiff wieder etwas ruhiger. Es war interessant zu beobachten wie Hubert und Annemarie sich in der Hauptsache auf Deutsch unterhielten, obwohl sie beide waschechte Amerikaner sind, und wir uns auf einem amerikanischen Schiff auf einem amerikanischen See befanden. Die beiden tauschten interessiert Ihre Erfahrungen aus in welcher Ecke von Chicago und Umgebung man die beste deutschen Wurst, deutsches Fleisch oder deutsches Brot bekommt.
So war es ein rundum gelungener Abend!

Über den nächsten Tag, verregnet und bewölkt schweigen wir lieber! Aber trotzig wie wir sind, fuhren wir morgens erst einmal auf den Sears Tower hinauf. Dieser 1974 gebaute Wolkenkratzer war immerhin für 20 Jahre das höchste Gebäude der Welt. Das Hochhaus besteht aus einem Bündel von neun quadratischen Türmen, die bis zur 50. Etage reichen. Zwei von ihnen enden hier, zwei weitere auf der 66. Etage. Drei reichen noch bis zur 90. Etage und nur zwei erreichen die 110. Etage. Mit dieser Bauweise war man sich sicher, eine große Windstabilität erreicht zu haben. Der Blick in die Ferne war zwar nicht so überzeugend, aber die direkte Umgebung ließ sich doch sehr gut beobachten.

Zum Glück hatte dann der Regen nachgelassen, und wir verteilten uns im Zentrum. Zuerst besuchten wir eine Ausstellung, bei der schon der Vorplatz des Museums auffiel. Ein Pkw und ein angehängter Wohnwagen waren ins Pflaster eingegraben, so als ob das Gefährt aus dem Untergrund käme. In dieser Ausstellung wurde sehr da drastisch demonstriert, wie der Mensch mit der Umwelt umgeht. Für uns Europäer beziehungsweise Deutsche, war das eigentlich nichts Neues. Es wurden auch nachhaltige Techniken und Bauweise dargestellt, bis hin zu in China geplanten Hochhäusern, bei denen auf zwei Höhen der Wind hindurch weht und gleichzeitig Strom produzieren soll.
Auf meine Nachfrage wo überall diese Ausstellung denn schon gewesen sei bekam ich zur Antwort, dass sie eigentlich aus Kanada kommt und nur hier in Chicago gezeigt wird. Ein wenig lässt das wohl Rückschlüsse auf das Interesse der US-amerikanischen Bevölkerung für die Umwelt zu. Jetzt erst reist zum Beispiel der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore durch die USA und Europa und warnt alle Welt vor der heraufziehenden Klimakatastrophe! Manchmal ist man wohl doch in den USA ein bisschen hinter der Zeit!

Den Rest der Zeit nutzten wir zu einem ausführlichen Einkaufsbummel. Am Abend ging es dann zum Essen und zu einer Show im Stil der dreißiger Jahre in "Tommy's Garage". Die Prohibition und die Zeit der konkurrierenden Gangsterbanden wurden wieder lebendig.

Am Samstag morgen versteckte sich der Hancock Tower in den Wolken. Ein leichter Nieselregen begleitete uns für den Rest des Tages. Heute sollte es einmal über die Stadtgrenze hinausgehen. Eigentlich gab es den Plan die Motorradfabrik Harley-Davidson zu besuchen. Da wir ein Jahr zu spät kamen, hatten wir das Pech, dass die Fabrik im letzten Winter ein Raub der Flammen wurde. Unser eigentliches Ziel war aber sowieso die Stadt Milwaukee, die zwei Autostunden entfernt nördlich von Chicago am Michigan See liegt. So ganz sicher waren wir uns nicht, was uns eigentlich in den Nachbarstaat Wisconsin führt. Und so fuhren wir erst einmal über den Kennedy Highway aus der Stadt heraus. Der Highway wurde begleitet von Einkaufszentren, typisch amerikanischen Wohngegenden mit Einfamilienhäusern, von Industrieparks und erst nach einer Stunde sah man die ersten Maisfelder und Farmen. Illinois und Wisconsin gehören zu den Regionen der intensiven Landwirtschaft und Viehzucht.

Ein Zwischenstopp machten wir bei einem großen Harley-Davidson Händler, wo es die tollsten Motorräder, die entsprechende Bekleidung und natürlich sämtlichen Schnickschnack zu dieser Marke zu kaufen gab. Mein Etat reichte nur für ein Bierglas mit einem Harley-Davidson Aufkleber für einen befreundeten Motorradfahrer. Hier vor Ort kostet so eine Maschine circa 9000 US-Dollar, wenn sie nach Deutschland importiert werden liegt der Preis fast doppelt so hoch.
Auch in Milwaukee wann wir den Nieselregen nicht entflohen, aber trotzdem verließen wir unseren Bus immer noch auf der Suche nach dem Grund unseres Besuches. Der sollte sich bald finden, denn Hubertus wollte uns demonstrieren, dass in dieser Stadt auch viele Nachfahren deutscher Einwanderer leben. Und schon kamen wir an einer Gaststätte vorbei, aus der die schönste bayerische Musik dröhnte. Der passenden Kommentar: "Wenn ich das nächste Mal Besuch aus Amerika habe, zeige ich ihm jede McDonalds Filiale meiner Stadt!" Irgendwie hat Hubertus wohl diesmal die Interessen deutscher Touristen etwas falsch eingeschätzt. Außerdem ist auch Chicago eine Stadt mit deutschen Ursprüngen, und auf der Rückfahrt entdeckten wir im Zentrum einen großen Harley-Davidsonladen. Die Stadt Milwaukee hat circa 600.000 Einwohner, einen wichtigen Hafen, von dem aus die Produkte des Maschinenbaus in aller Welt exportiert werden. Ein Hinweis auf die Bedeutung der umliegenden Landwirtschaft war ein spezieller Käseladen direkt gegenüber von der Bayerngaststätte. Ansonsten sieht das Zentrum nicht anders aus als jede andere amerikanische Stadt, mit ein paar Verwaltungshochhäusern im Zentrum und weit ins Umland erstreckten Wohngebieten.


Einziger Trost war die Mittagspause im Milwaukee Art Museum, das eine sehr eigenwillige Architektur hat, die eigentlich schon dem 21. Jahrhundert zuzuordnen ist. Aber bei einer Woche hätten wir den Tag sicher besser in Chicago nutzen können.
Auf dem Rückweg von unseren Ausflug nach Milwaukee machten wir Station in einem riesigen Einkaufszentrum, einer Mall mit umliegenden Kaufhäusern, Hotel und Vergnügungszentrum. Dort traf ich Annemarie noch mal für eine Stunde, da sie nur circa 12 km von hier wohnt. Ich musste ihr gestehen, dass wir es nicht geschafft haben, eine architektonische Spezialführung in Chicago zu absolvieren. Die Schlussfolgerung ist wohl, dass es notwendig ist wieder nach Chicago zurückzukehren und außerdem ein Rollstuhltaxi zu buchen, um Annemarie und ihre ehemalige Schule zu besuchen.

Es ist immer wieder schön irgendwo in der Welt nicht nur als Tourist herum zu reisen sondern auch Freunde zu treffen, die einem am Alltagsleben ihres Landes und ihrer Stadt teilhaben lassen. Die Einfachheit des Internets ermöglichen es heute per E-Mail Kontakte in alle Welt aufrechtzuerhalten, ohne erst nach Briefpapier zu kramen oder die Portokosten nach Übersee nachschlagen zu müssen. Außerdem dauert es nicht mehr Wochen bis die Informationen ausgetauscht sind.

© Text: C. Murawski
Fotos: P. Boos



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