Motivation für diese Reise war einerseits Wolfgangs
Begeisterung für diese Stadt, nachdem er nach einer Vorausexkursion
Chicago über New York stellte, und andererseits die Bekanntschaft
zu Annemarie Stohl.
Man mag es kaum glauben, aber es ist schon fünf Jahre
her, dass sie und eine Kollegin Wohnung und Auto getauscht
haben und sie für ein Jahr bei uns am Gymnasium Brede
unterrichtet hat. Sie muss sich hier recht wohl gefühlt
haben, denn im letzten Jahr war sie wieder zu Besuch und nicht
nur ich habe mit ihr interessante Stunden verbracht. Als sie
abgereist war, stellte sich für mich die Frage wann und
wo man sich wieder sehen würde.
Zu meiner Freude enthielt das Reiseprogramm von Grabowski-Tours
einen Trip nach Chicago. Da er 2005 nur kurzfristig im Programm
war und mangels Interessenten nicht zustande gekommen war,
habe ich diesmal sofort gebucht.
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So trafen wir uns am Montag, dem 18. September, auf dem Frankfurter
Flughafen. Wir waren eine Gruppe mit fünf Rollstuhlfahrern
und fünf "Fußgängern". Nach den
Attentatsversuchen von London war uns etwas mulmig zu Mute
und wir waren gar nicht böse über die doppelten
Sicherheitskontrollen, auch wenn es unangenehm ist wie bei
einer Verhaftung ohne Schuhe und ohne Gürtel und mit
leeren Taschen durch die Kontrolle zu gehen. Eine zusätzliche
Beruhigung war die Tatsache, dass wir mit Lufthansa flogen.
Aber trotzdem stand unser Start unter einem schlechten Stern.
Beim Rollen über das Vorfeld hat sich eine Stewardess
so den Finger geklemmt, dass sie das Flugzeug wieder verlassen
musste. Um wenigstens einen Teil unserer zweistündigen
Verspätung einzuholen wurde das Flugzeug voll getankt
und dann ging es endlich los! |
| Chicago - die Stadt des Gangsterbosses
Al Capone, der Prohibition (Alkoholverbot in den USA 1920 –
1933) und des Blues während der Goldenen Zwanziger, der
Schlachthöfe des 19. und 20. Jahrhunderts aber auch des
Songs "In the Ghetto" von Elvis Presley.
Auf der anderen Seite stehen die ersten Stahlbetonhochhäuser
sowie die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts mit ihren
gewaltigen Wolkenkratzern.
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Und genau diese Wolkenkratzer präsentierten sich in
ihrer ganzen Pracht gleich am ersten Abend. Es war schon dunkel
als wir nach neunstündigem Flug auf dem größten
Flughafen der Welt, Chicago O’Hare, landeten. Dort erwartete
uns Hubertus, unser Reiseleiter vor Ort, und ein kleiner Bus
mit einer Hebebühne für Rollstuhlfahrer. Der Weg
ins Zentrum dauert sogar abends eine Stunde. Zuerst sahen
wir sie von weiten, die dunklen Wolkenkratzer mit ihren beleuchteten
Fenstern, und dann fuhren wir mitten durch sie hindurch. Unser
Hotel „The Seneca“ steht direkt neben dem Hancock
Center, mit 100 Stockwerken das zweitgrößte Gebäude
der Stadt. |
Am ersten Morgen griff ich dann zum Telefon
und rief bei Annemarie Stohl an. Inzwischen ist sie im Ruhestand,
oder besser Unruhestand wie ich feststellen konnte, aber sie
war zuhause. Auf ihre Frage wie denn unser Programm aussähe,
konnte ich ihr keine richtige Antwort geben. Aber wir waren
fest entschlossen uns zu treffen. Und das war gar nicht so einfach
wie ich mir das gedacht hatte. Also befragte ich erst einmal
Hubertus nach den Plänen für diese Woche. Zur Antwort
bekam ich aber nur die Aussage, dass das vom Wetter abhängen
würde. Damit war ich auch nicht viel schlauer. Aber aus
den verschiedenen Aussagen erfuhr ich im Laufe des Tages immerhin,
dass es geplant sei an einer abendlichen Schifffahrt auf dem
Michigan See teilzunehmen.
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Da man für gewöhnlich
in seinem eigenen Umfeld solche Aktivitäten nicht unternimmt,
schlug ich Annemarie vor doch diesen Abend mit uns zu verbringen.
Gesagt, getan! Wir verbrachten den ersten Tag mit einem Ausflug
zum Navy Pier, der uns hinaus auf den Lake Michigan führte,
so dass sich vor uns nun bei Tageslicht die Skyline von Chicago
aufbaute. Gerade wenn man aus so einem kleinen Städtchen
kommt, wie Brakel es nun mal ist, steht man erst einmal atemlos
vor diesem Anblick!
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Aber auch Chicago hat so klein angefangen
und seinen Namen von der Bezeichnung der Indianer für die
wilde Zwiebel (Checagou), die in den feuchten Wiesen am Lake
Michigan im 18. Jahrhundert wuchs. Zu dieser Zeit kamen die
ersten Jäger und Fallensteller in diese Gegend. Aber schon
im Jahre 1837 wurde die Siedlung mit nur 2500 Einwohnern zur
City erklärt. Und bereits 1890 hatte die Stadt mehr als
eine Million Einwohner. Sie war zu einem wichtigen Handelsposten
als Knotenpunkt von Handels- und Schifffahrtswegen geworden,
wie über Kanäle zum Mississippi und über die
Großen Seen und ab 1959 über den St. Lorenz Seeweg
zu den anderen Industriestädten und zum Atlantik. Im Hafen
wurden und werden Getreide- und Fleischprodukte verladen und
Rohstoffe sowie Fertigprodukte gelöscht.
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Als Kontrastprogramm fuhren wir dann wieder zum Hotel zurück
und gleich hinauf in die 94. der 100 Etagen des Hancock Center.
Dies ist die Aussichtsplattform für alle Besucher der
Stadt. Nach Süden sieht man von hier über den zentralen
Bereich, der hier "Loop" genannt wird, nach der
Hochbahn, die mit einem Höllenlärm wie eine Schleife
diesen Bereich umfährt. Dies ist das Gebiet südlich
des Chicago River mit seinen Verwaltungs- und Geschäftshochhäusern. Von
Westen kommt, wie mit dem Lineal gezogen, eine achtspurige
Autobahn (Interstate Highway) auf die Stadt zu und löst
sich dann in Straßensystem des Zentrums auf. Man blickt
bis zum Horizont in die Ebene des mittleren Westens über
die rechtwinklig angeordneten Wohnsiedlungen dieses Ballungsraumes
von sieben Millionen Menschen. Aus Nordwesten kommend pflügt
sich der Kennedy Highway parallel zur Hochbahn durch die Wohngebiete,
begleitet von Supermärkten, Werkstätten und Kleinindustrie.
Nach Norden erstreckt sich die Front zum See mit dem Lake
View Drive und einem breiten Sandstrand. Im Hintergrund unterbricht
der Lincoln Park das Häusermeer und lockert damit das
Bild auf.
Von einem solchen Anblick kann man sich dann kaum noch losreißen,
sieht man doch unter sich die ganze Dynamik eines ganz normalen
Alltages. Aber da wir nicht den ganzen Tag hier verbringen
konnten, " trösteten" wir uns mit dem Einfall
in den ersten Souvenirshop im Erdgeschoss. |
Der Nachmittag galt dann einer Stadtrundfahrt,
die uns zuerst in den Lincoln Park führte, wo uns plötzlich
ein Eisbär ignorant sein Hinterteil zukehrte. Ohne es zu
merken, waren wir in den Zoo geraten, der aufgrund seines Stiftungscharakters
eintrittsfrei ist. Die Hochhäuser um den Park dienen der
Wohnfunktion oder sind Hotels, was auf den hohen Freizeitwert
dieses Stadtteils schließen lässt.
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| Am Schluss spuckte uns
der Bus südlich des Chicago River aus, wo zur Jahrtausendwende
der Millenniumspark entstanden ist. Ein altes Sportgelände
wurde von dem auch in Deutschland bekannten Architekten Frank
Gehry mit einer Bühnenkonstruktion aus beweglichen Aluminiumteilen
versehen, so dass ein großes Gelände für Openair
Veranstaltungen entstand. Von da windet sich wie eine Schlange
ein mit glänzend gebürsteten Stahlblechen überdachter
Fußweg durch den Park und über die Schnellstraße
bis zum Seeufer. Seine Neigung beträgt 5%, so dass er auch
Rollstuhlfahrern den wunderschönen Blick über den Grant
Park, den Yachthafen und das Seeufer ermöglicht. |
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Ein Stück weiter steht der Crown Brunnen,
ein Brunnen mit zwei 17 m hohen Quadern, die aus Glasbausteinen
bestehen. Auf ihre Fläche werden Gesichter projiziert,
die Kunststudenten von tausend von Bürgern aller sozialen
Schichten und aller ethnischen Gruppen dieser Stadt aufgenommen
haben. Sie lächeln einen an oder zwinkern mit dem Auge
und spitzen dann ihren Mund. An dieser Stelle tritt dann ein
Wasserstrahl aus der Mauer hervor und ergießt sich in
das Becken.
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Der spanische Künstler Jaume Plensa zieht damit die
Verbindungen zu historischen Brunnen, bei denen Wasser aus
den Mündern von Göttern oder den Mäulern von
Fabeltieren sprüht. Danach verschwindet das Bild, Wasser
läuft über alle vier Seiten der Quader und dann
erscheint ein neues Gesicht. Wir stellten uns vor wie sich
Kinder und sicher auch Erwachsene an den schwülheißen
Tagen des Chicagoer Sommers in diesem Brunnen unter dem Wasserstrahl
abkühlen. |
Ein Stück weiter liegt auf einem großen
Platz eine riesige Skulptur in der Form einer Bohne, die chromglänzend
poliert ist. Dieses Monument ist das so genannte „Cloud
Gate“, bestehend aus 110 t Stahl, ist 22 m lang und 11
m hoch. Gerade jetzt in der Abenddämmerung spiegelten sich
in diesem Monument die Hochhäuser und der Himmel. Der in
London lebende Künstler Anish Kapoor (1954 in Bombay geboren)
kommentiert sein Kunstwerk folgendermaßen: |
| "What I wanted
to do in Millennium Park is make something that would engage the
Chicago skyline... so that one will see the clouds kind of floating
in, with those very tall buildings reflected in the work. And
then, since it is in the form of a gate, the participant, the
viewer, will be able to enter into this very deep chamber that
does, in a way, the same thing to one's reflection as the exterior
of the piece is doing to the reflection of the city around."
- Anish Kapoor |
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Man braucht in Chicago nicht weit zu gehen,
(wirklich gehen! nicht mit dem zu Auto fahren), um Plätze
zu finden, die der Ruhe und vielleicht sogar eine gewisse Besinnung
gelten können. Und so fiel uns auf, dass die Menschen trotz
des hektischen Alltages eine gewisse Ruhe und Gelassenheit hatten.
So ist es zum Beispiel immer wieder passiert, dass die Passanten
stehen blieben, damit wir Touristen unsere Fotos schießen
konnten. Und zwar nicht nur einzelne sondern jeder, der vorbeikam! |
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Diese Freizeitorientierung der Innenstadt hängt sicher
damit zusammen, dass auch mitten im Zentrum eine ganze Menge
Menschen wohnen. Schon die Marina Towers waren das erste Projekt
der „City in der City“, bei denen alle Lebensfunktionen
(das Auto parken in den unteren Etagen, Einkaufen darüber,
Arbeiten im Büro darüber und Wohnen in den oberen
der 82 Etagen) in einem Gebäude stattfinden. Auch das
Hancock Center ist ähnlich strukturiert. Gerade Ehepaare,
bei denen die Kinder ausgezogen sind und denen Haus und Garten
zu mühsam werden, ziehen zurück in die Innenstadt.
Oft leben sie in einem 1- oder 2-Zimmerappartement in einem
der Hochhäuser, möglichst mit Blick auf den Lake
Michigan. Diese Situation habe ich mit Annemarie diskutiert,
die aber selbst der Meinung war, dass dieses Leben für
eine Weile ganz schön sein mag, aber sicher nicht für
das ganze Jahr. So ergibt sich ein Kreislauf: Singles und
junge Ehepaare wohnen und arbeiten im Zentrum, mit ihren Kindern
ziehen sie an den Stadtrand und später kehren sie ins
Zentrum zurück. |
Gerade weil der Computer auch in den Büros
immer mehr Arbeit übernimmt, reduziert sich nicht nur die
Zahl der Arbeitnehmer sondern auch der Bedarf an Bürofläche.
Gerade neben dem Sears Tower mit noch 10.000 Arbeitsplätzen
wurde ein 16-stöckiges Gebäude in ein Appartement
Haus umgewandelt. |
| Der nächste Tag
erfreute uns mit blauen Himmel und strahlendem Sonnenschein. Wir
nutzen das schöne Wetter um per Bus und auch zu Fuß
die verschiedenen Teile der Stadt rund um den Central Business
District (CBD) anzusehen. Wir begannen am Wohnhaus des Architekten
Frank Lloyd Wright, dessen Häuser im Stil der Bauhaus-Architektur
gestaltet sind. Wir befanden uns hier in einem besseren Wohngebiet
mit Einfamilienhäusern, deren Holzbauweise typisch amerikanisch
ist. Aber nur ein paar Straßen weiter sah es schon ganz
anders aus. Hier stiegen wir lieber nicht aus sondern betrachteten
die verwahrlosten Straßen aus dem Auto. |
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In der Nähe der Hochbahn gab es ein von deutschen Siedlern
in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erbautes
Viertel, dessen Häuser noch Ornamente des Jugendstils
aufwiesen. Andererseits stehen hier auch große Wohnblocks,
in deren Erdgeschoss die nötigen Geschäfte und Büros
vorhanden sind. In größeren Abständen gibt
es dann Schulzentren und Sportplätze. Und im Hintergrund
begleitete uns immer die Skyline der Wolkenkratzer. |
| Am Abend widmeten wir uns dann der
Musikszene. In Chicago wird behauptet, dass der Blues hier entstanden
ist und dann erst seinen Weg nach New Orleans gefunden hat. Ich
denke mal im Süden der Vereinigten Staaten sieht man das
etwas anders. Wir begaben uns in die führende Blueskneipe
der Stadt „Buddy Guy’s Legend" und harrten der
Dinge, die da kommen. Zuerst gab es Essen im Stil der Südstaaten
und dann spielte die Band von Charlie Love. Leider war der Raum
viel zu niedrig für die Lautstärke der Musik. Wenn ich
die dort gekaufte CD auf meiner Anlage laufen lasse, komme ich
durchaus in den Genuss des Blues. Aber müde wie wir an diesem
Abend waren, fuhren die ersten gegen 11 Uhr mit dem Taxi nach
Hause und auch der Rest war schon Mitternacht wieder im Hotel. |
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Auch der Donnerstag war ein wunderschöner
Tag, der uns zuerst ins Aquarium führte. Ein Museum mit
allen Fischen dieser Erde einschließlich Delphinen mit
Delphinschau, Pinguinen und Seepferdchen, die man kaum erkannte,
weil sie original wie die Schlingpflanzen aussahen, die im Meer
wuchsen.. |
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Aber sehr schnell saßen wir wieder draußen im
Gras mit dem Blick auf Chicago, den Hafen und die große
Wasserfläche des Lake Michigan. So sitzt man einfach
nur da, betrachtet die Flugzeuge, die über die Stadt
ziehen, und die einlaufende Viermastbark. Am Nachmittag war
es dann endlich soweit! Annemarie Stohl kam in die Lobby des
Hotels und wir erzählten uns alle Neuigkeiten des letzten
Jahres. Eine ihrer Aufgaben ist es jetzt als Fremdenführerin
den Touristen die Architektur der Stadt vom Chicago River
aus näher zubringen. Spezialisiert ist sie dabei natürlich
auf deutschsprachige Touristen. Mehrmals in der Woche unterrichtet
sie Englisch für Zuwanderer. Ansonsten freut sie sich
immer ihre kleine Enkelin zu treffen. |
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Abends um acht legte dann die "Spirit
of Chicago" ab und fuhr mit uns ins Hafenbecken hinaus.
Es war ein netter Musikdampfer, der nur von zwei Gruppen besetzt
war. Draußen auf dem See war der Seegang erstaunlich heftig,
was es zum einen erschwerte die Teller vom Buffet an den Tisch
zu balancieren und zum anderen die nächtliche Skyline auf
den Chip der Digitalkamera zu bannen.
So mussten wir diesen überwältigenden Anblick in unserer
Erinnerung speichern und erst als der Kapitän in das äußere
Hafenbecken zurückkehrte, fuhr das Schiff wieder etwas
ruhiger. Es war interessant zu beobachten wie Hubert und Annemarie
sich in der Hauptsache auf Deutsch unterhielten, obwohl sie
beide waschechte Amerikaner sind, und wir uns auf einem amerikanischen
Schiff auf einem amerikanischen See befanden. Die beiden tauschten
interessiert Ihre Erfahrungen aus in welcher Ecke von Chicago
und Umgebung man die beste deutschen Wurst, deutsches Fleisch
oder deutsches Brot bekommt. So war es ein rundum gelungener Abend! |
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Über den nächsten Tag, verregnet und bewölkt
schweigen wir lieber! Aber trotzig wie wir sind, fuhren wir
morgens erst einmal auf den Sears Tower hinauf. Dieser 1974
gebaute Wolkenkratzer war immerhin für 20 Jahre das höchste
Gebäude der Welt. Das Hochhaus besteht aus einem Bündel
von neun quadratischen Türmen, die bis zur 50. Etage
reichen. Zwei von ihnen enden hier, zwei weitere auf der 66.
Etage. Drei reichen noch bis zur 90. Etage und nur zwei erreichen
die 110. Etage. Mit dieser Bauweise war man sich sicher, eine
große Windstabilität erreicht zu haben. Der Blick
in die Ferne war zwar nicht so überzeugend, aber die
direkte Umgebung ließ sich doch sehr gut beobachten. |
Zum Glück hatte
dann der Regen nachgelassen, und wir verteilten uns im Zentrum.
Zuerst besuchten wir eine Ausstellung, bei der schon der Vorplatz
des Museums auffiel. Ein Pkw und ein angehängter Wohnwagen
waren ins Pflaster eingegraben, so als ob das Gefährt aus
dem Untergrund käme. In dieser Ausstellung wurde sehr da
drastisch demonstriert, wie der Mensch mit der Umwelt umgeht.
Für uns Europäer beziehungsweise Deutsche, war das eigentlich
nichts Neues. Es wurden auch nachhaltige Techniken und Bauweise
dargestellt, bis hin zu in China geplanten Hochhäusern, bei
denen auf zwei Höhen der Wind hindurch weht und gleichzeitig
Strom produzieren soll.
Auf meine Nachfrage wo überall diese Ausstellung denn schon
gewesen sei bekam ich zur Antwort, dass sie eigentlich aus Kanada
kommt und nur hier in Chicago gezeigt wird. Ein wenig lässt
das wohl Rückschlüsse auf das Interesse der US-amerikanischen
Bevölkerung für die Umwelt zu. Jetzt erst reist zum
Beispiel der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat
Al Gore durch die USA und Europa und warnt alle Welt vor der heraufziehenden
Klimakatastrophe! Manchmal ist man wohl doch in den USA ein bisschen
hinter der Zeit! |
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Den Rest der Zeit nutzten wir zu einem ausführlichen
Einkaufsbummel. Am Abend ging es dann zum Essen und zu einer
Show im Stil der dreißiger Jahre in "Tommy's Garage".
Die Prohibition und die Zeit der konkurrierenden Gangsterbanden
wurden wieder lebendig. |
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Am Samstag morgen versteckte sich der Hancock Tower in den
Wolken. Ein leichter Nieselregen begleitete uns für den
Rest des Tages. Heute sollte es einmal über die Stadtgrenze
hinausgehen. Eigentlich gab es den Plan die Motorradfabrik
Harley-Davidson zu besuchen. Da wir ein Jahr zu spät
kamen, hatten wir das Pech, dass die Fabrik im letzten Winter
ein Raub der Flammen wurde. Unser eigentliches Ziel war aber
sowieso die Stadt Milwaukee, die zwei Autostunden entfernt
nördlich von Chicago am Michigan See liegt. So ganz sicher
waren wir uns nicht, was uns eigentlich in den Nachbarstaat
Wisconsin führt. Und so fuhren wir erst einmal über
den Kennedy Highway aus der Stadt heraus. Der Highway wurde
begleitet von Einkaufszentren, typisch amerikanischen Wohngegenden
mit Einfamilienhäusern, von Industrieparks und erst nach
einer Stunde sah man die ersten Maisfelder und Farmen. Illinois
und Wisconsin gehören zu den Regionen der intensiven
Landwirtschaft und Viehzucht. |
Ein Zwischenstopp machten wir bei einem
großen Harley-Davidson Händler, wo es die tollsten
Motorräder, die entsprechende Bekleidung und natürlich
sämtlichen Schnickschnack zu dieser Marke zu kaufen gab.
Mein Etat reichte nur für ein Bierglas mit einem Harley-Davidson
Aufkleber für einen befreundeten Motorradfahrer. Hier vor
Ort kostet so eine Maschine circa 9000 US-Dollar, wenn sie nach
Deutschland importiert werden liegt der Preis fast doppelt so
hoch. |
| Auch in Milwaukee wann
wir den Nieselregen nicht entflohen, aber trotzdem verließen
wir unseren Bus immer noch auf der Suche nach dem Grund unseres
Besuches. Der sollte sich bald finden, denn Hubertus wollte uns
demonstrieren, dass in dieser Stadt auch viele Nachfahren deutscher
Einwanderer leben. Und schon kamen wir an einer Gaststätte
vorbei, aus der die schönste bayerische Musik dröhnte.
Der passenden Kommentar: "Wenn ich das nächste Mal Besuch
aus Amerika habe, zeige ich ihm jede McDonalds Filiale meiner
Stadt!" Irgendwie hat Hubertus wohl diesmal die Interessen
deutscher Touristen etwas falsch eingeschätzt. Außerdem
ist auch Chicago eine Stadt mit deutschen Ursprüngen, und
auf der Rückfahrt entdeckten wir im Zentrum einen großen
Harley-Davidsonladen. Die Stadt Milwaukee hat circa 600.000 Einwohner,
einen wichtigen Hafen, von dem aus die Produkte des Maschinenbaus
in aller Welt exportiert werden. Ein Hinweis auf die Bedeutung
der umliegenden Landwirtschaft war ein spezieller Käseladen
direkt gegenüber von der Bayerngaststätte. Ansonsten
sieht das Zentrum nicht anders aus als jede andere amerikanische
Stadt, mit ein paar Verwaltungshochhäusern im Zentrum und
weit ins Umland erstreckten Wohngebieten. |
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Einziger Trost war die Mittagspause im Milwaukee Art Museum,
das eine sehr eigenwillige Architektur hat, die eigentlich
schon dem 21. Jahrhundert zuzuordnen ist. Aber bei einer Woche
hätten wir den Tag sicher besser in Chicago nutzen können.
Auf dem Rückweg von unseren Ausflug nach Milwaukee machten
wir Station in einem riesigen Einkaufszentrum, einer Mall
mit umliegenden Kaufhäusern, Hotel und Vergnügungszentrum.
Dort traf ich Annemarie noch mal für eine Stunde, da
sie nur circa 12 km von hier wohnt. Ich musste ihr gestehen,
dass wir es nicht geschafft haben, eine architektonische Spezialführung
in Chicago zu absolvieren. Die Schlussfolgerung ist wohl,
dass es notwendig ist wieder nach Chicago zurückzukehren
und außerdem ein Rollstuhltaxi zu buchen, um Annemarie
und ihre ehemalige Schule zu besuchen. |
Es ist immer wieder schön irgendwo
in der Welt nicht nur als Tourist herum zu reisen sondern auch
Freunde zu treffen, die einem am Alltagsleben ihres Landes und
ihrer Stadt teilhaben lassen. Die Einfachheit des Internets
ermöglichen es heute per E-Mail Kontakte in alle Welt aufrechtzuerhalten,
ohne erst nach Briefpapier zu kramen oder die Portokosten nach
Übersee nachschlagen zu müssen. Außerdem dauert
es nicht mehr Wochen bis die Informationen ausgetauscht sind.
© Text: C. Murawski
Fotos: P. Boos
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66903 Ohmbach/Pfalz
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