Australien 2003
drei Wochen Down Under
19. November - 9. Dezember 2003

An einem Mittwochabend trafen wir uns im Rhein-Main Flughafen am Schalter der Qantas Airlines. Neunzehn Reiseteilnehmer waren versammelt, zusammengekommen aus allen Himmelsrichtungen, zwei sogar aus der Schweiz. Fast anderthalb Jahre war es her, dass Wolfgang (Grabowski, wer auch sonst?) am letzten Abend in New York von seinem neusten Traum, einer Australienreise, sprach. Drei Wochen sollte es durch die wichtigsten Teile des Kontinents gehen. Nicht nur meine Augen, sondern auch die von Dagmar leuchteten, als wir von diesem Plan hörten. Sie war schon mit ihrer Familie mehrfach in Australien gewesen. Und ich träumte bereits seit einer vor über 30 Jahren geschriebenen Facharbeit über die australische Wüste davon, diese einmal selbst zu erleben.

Singapur
Nun galt es das erste Etappenziel Singapur zu erreichen. Das kostete uns elf Stunden Geduld im Flugzeug. Der Monitor in der Rückenlehne des Vordersitzes bot eine Auswahl aus acht Filmen. Da der Flug aber erst um Mitternacht losging, haben fast alle geschlafen. Vor Ort war es schon wieder Abend und nach einem asiatischen Abendessen verschwanden wir in den Betten. Der nächste Morgen begann nach vorzüglichem Frühstück mit Regen und Nebel. Am Hafen begrüßte uns der steinerne Löwe mit Fischschwanz, der die Stadt repräsentiert. Denn "Singa" heißt Löwe und "Pur" heißt Stadt. In einer Dschunke erlebten wir die große Bedeutung des Containerhafens Singapur allein durch Hingucken. Auf einen Blick drängten sich
ungefähr zehn große Containerschiffe auf dem Weg zum Containerterminal des drittgrößten Hafens der Welt. Singapur wurde 1965 selbstständig. Der auf Felsen gebaute Stadtstaat mit 3,5 Millionen Einwohnern macht den Eindruck der modernen westlichen Stadt. Wolkenkratzer ragen in den Himmel, futuristisch gestaltete Gebäude beherbergen die Oper und das Schauspielhaus. In der auf Neulandgebiet entstandenen Raffles City stehen neben Geschäftshochhäusern bis zu 77 Stockwerke hohe Hotels mit über 1000 Gästezimmern neben Wohnhochhäusern. Diese Wohnungen werden für 25 Jahre gepachtet und gehen anschließend in das Eigentum der Bewohner über. An den Rändern sind mehr als 15 New Towns entstanden, die die Wohnbevölkerung aufnehmen.
Der Verkehr in diesem Ballungsraum wird durch zahlreiche Autobahnen erleichtert. An ihren Zufahrten stehen große elektronische Tafeln mit den aktuellen Preisen, die von der Tageszeit abhängig sind. So umgeht man lieber die morgendliche teure Rushhour und fährt etwas später zum Einkaufsbummel ins Zentrum. Ein kleiner Pieps im Bus zeigt an, dass das Fahrzeug erfasst ist. Die Kosten werden entsprechend vom Fahrzeughalter abgebucht. Ähnliche Systeme erlebten wir in Melbourne und Sydney. Vielleicht sind diese Mautsysteme nicht satellitengesteuert, aber im Gegensatz zu der deutschen Toll Collect Diskussion funktionieren sie!
Ich hatte den Eindruck, dass in jedem Einwohner das Streben nach wirtschaftlichem Aufstieg für sich selbst, seine Kinder und Singapur insgesamt vorhanden ist. Während noch 1965 das jährliche Pro Kopfeinkommen 590 US$ betrug, verdiente im Jahr 2000 jeder Einwohner 24 280 US$. Als uns ein LKW mit Soldaten überholte, berichtete der Reiseführer von seinem zwei einhalbjährigen (!) Militärdienst und den Wehrübungen, die er bis zu seinem 45. Lebensjahr absolvieren musste. Für ihn schien es ein selbstverständlicher Teil seines Lebens gewesen zu sein. Am Nachmittag vervollständigte eine Stadtrundfahrt unseren multikulturellen Eindruck, denn hier leben Chinesen (78%), Malaien (14%), Inder (8%) und zum geringen Prozentsatz Nachfahren der Kolonialherren. Sie alle nutzen die freien Tage zu Weihnachten, zum chinesischen Neujahrsfest und zum muslimischen Ramadan. Jedes dieser Feste ist Anlass für zwei arbeitsfreie Wochen, d.h. sechs Wochen Jahresurlaub. Uns fiel auf, dass der Sonntag für die Familien der Haupteinkaufstag ist.
Ehe wir uns versahen, saßen wir schon wieder in der Abflughalle und warteten auf das Flugzeug nach Melbourne. Die nächtlichen acht Stunden zogen sich ganz schön in die Länge, zumal ein einjähriges Kind uns vom Schlafen abhielt. Wie soll es auch begreifen, was in einem Flugzeug passiert.

Im Süden Australiens
Als die Maschine in Melbourne aufsetzte, trauten wir unseren Augen nicht. Es regnete!! Dabei glaubten wir im australischen Sommer gelandet zu sein. Aber Mitte November ist wie Mitte Mai bei uns und da darf es auch schon mal regnen. Am Flughafen hatte uns Michael mit der für Australien obligatorischen Wasserflasche in der Hand begrüßt. Er erklärte uns gleich, dass man hier wegen der Hitze am Tag anderthalb bis zwei Liter Wasser trinken müsse. So ganz passte das aber nicht zum aktuellen Wetter!
Sein Deutsch war mit einem netten dänischen Akzent gewürzt, der uns ein bisschen an den Koch aus der Muppet Show erinnerte. Michael stammt aus Kopenhagen, hat in Warschau seine Frau kennengelernt und ist ihr nach Australien gefolgt. Er freut sich, dass er im Februar nach vier Jahren eingebürgert wird. Erst dann ist er ein echter Aussie! Um 10:00 Uhr morgens erreichten wir das Fünf-Sterne Hotel Westin, wo die einen die nahen Geschäftsstraßen erkundeten und die anderen den versäumten Schlaf nachholten.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, stand die Sonne am blauen Himmel und wir nutzten die leeren Straßen für eine ausgiebige Stadtrundfahrt durch die City, am Hafen entlang, vorbei am Rod Lever Stadion, wo die Australian Open stattfinden, bis zu dem Park, in dem das Geburtshaus von James Cook steht. Die Australier haben es einfach von England hierhin geschafft.
Anschließend waren alle gestraft, die noch kein Mückenspray gekauft hatten. Denn der Park, in dem wir uns eigentlich die so niedlichen Koalas ansehen wollten, war zusätzlich von vielen Mücken bevölkert. Trotzdem ließen wir uns nicht beirren und fotografierten und filmten die auf Augenhöhe sitzenden Tiere. Sie sind doch zu putzig, vor allem wenn ein Kleiner auf dem Schoß seiner Mutter herumturnt. Der war auch der temperamentvollste Vertreter seiner Gattung. Alle anderen passten sich dem Lehrbuchwissen an und kauten behäbig auf ihren Eukalyptusblättern herum. Und auch da konnten wir von Glück sprechen, denn sie sind es gewohnt zwanzig Stunden am Tag zu schlafen. Da die Blätter genug Wasser enthalten, brauchen die Tiere nicht einmal zum Trinken ihren Baum zu verlassen. Erst wenn das Laub abgefressen ist, wechseln sie nachts auf einen anderen Baum. Im Außengelände des Parks musste man den Kopf weit in den Nacken legen, um die Koalas in den Astgabeln der Baumwipfel zu finden. Am Abend setzten wir unser „tierisches Programm“ fort. Es ging ungefähr 100 Kilometer nach Süden nach Phillip Island. Vom Meer her wehte ein kühler Wind über den Strand. Michael bemerkte trocken: "Der Wind kommt direkt aus dem Süden, aus der Antarktis!" Wozu also standen wir hier? An den betonierten Sitzbänken konnte man erkennen, dass hier etwas Besonderes passieren musste. Langsam ging die Sonne malerisch unter, immer mehr Menschen gesellten sich zu uns. Es wurde dunkel, eine zurückhaltende Strandbeleuchtung ließ die Brandung schwach erkennen. Wir waren inzwischen kurz vor dem Zustand des Eiszapfens angekommen, da ging es durch die Menschenmenge: „Da ist einer!" – „Wo?" - „Jetzt ist er wieder ins Wasser." Ja, wir warteten auf die Zwergpinguine, die hier quer über den Strand rennen und dann im Unterholz zu ihren Nestern zurückkehren. Die Pinguine selbst wollten aber sicher sein, dass ihnen keine Möwe zu nahe kommt. Deshalb warteten sie bis es ganz dunkel war. Und dann kamen sie in Scharen, watschelten über den nassen Sand und verschwanden unter den Holzstegen. Überall kleine schwarzweiße Pinguine, sogar auf dem Parkplatz. Ich denke, das Verhältnis von Touristen zu Pinguinen war ungefähr eins zu eins. Und wir waren circa 500 Reisende von überall aus der Welt.
Der nächste Tag führte uns an die wildromantische Steilküste im Westen von Melbourne. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Veteranen, die keine Arbeit fanden, in einem großen Projekt die „Great Ocean Road" gebaut. Hier ging es nicht darum, einsame Farmen oder Dörfer zu erschließen, sondern die faszinierende Landschaft mehr Menschen als nur einsamen Wanderern zugänglich zu machen. In den nachfolgenden Jahren entstanden einige wenige Ferienorte, wie zum Beispiel Apollo Bay mit an der Straße aufgereihten Häusern aller Art. Jedes hat einen fantastischen Seeblick. Dazwischen ein Supermarkt und kleine Restaurants, das Ganze garniert mit recht individuell aussehenden Bewohnern der Häuser; eine Schulklasse und ihre gestressten Lehrer, wir als Rollitruppe und sonstige Tagesausflügler. Markantestes Phänomen dieser Küste sind die „Twelve Apostels", in Wirklichkeit nur neun mächtige Steinsäulen, die am Strand fünfzig bis hundert Meter vor der Steilwand stehen. Der Rückweg führte uns wieder durch Geelong, ursprünglich der wichtigste Exporthafen für Schafe, auch heute noch von Kleinindustrie und Handel geprägt. Und dann ging es endlich los! Schnell war morgens alles und alle in den Bus gepackt. Wir fuhren Richtung Nordosten stetig ansteigend in das Gebiet der bis 2200 m hohen Snowy Mountains. Zum großen Teil ist es eine hügelige Landschaft, die an das Alpenvorland erinnert. Nur dass statt glücklicher Kühe hier Schafe weiden. So manche „Station", wie die Viehbetriebe Australiens heißen, ist aber aus wirtschaftlichen Gründen auf Rinderzucht umgestiegen. Dann überquerten wir den Murray River, den einzigen ständig Wasser führenden Fluss Australiens. Berühmt ist die Snowy Mountains Region nicht nur als einziges Skigebiet auf diesem Kontinent, sondern auch für ein riesiges Bewässerungs- und Energieprojekt. Sechzehn Staudämme und sieben Wasserkraftwerke sorgen für eine Flussregulierung im Einzugsgebiet des Snowy River und die Versorgung mit Strom. Im westlichen Vorland des Gebirges entstanden weite Bewässerungsflächen. Wie überall gab es auch hier Probleme mit der Bodenversalzung. So wurden in der letzten Zeit die Kraftwerke heruntergefahren, um für die Landwirtschaft und die Natur mehr natürlich abfließendes Wasser zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der enormen Vorräte an Rohstoffen ist Australien auch bei Erdöl und Steinkohle Selbstversorger. Der meiste Strom stammt aus Steinkohlekraftwerken. Kommt man der Hauptstadt Canberra immer näher, nimmt der Ackerbau zu und es gibt sogar ein Weinanbaugebiet. Vom Bundesstaat Victoria wechselten wir in das 2 400 km2 große ACT, das „Australian Capital Territory", das Gebiet, das die Hauptstadt und einen großen Nationalpark umfasst. Und was passierte wohl als wir aus dem Bus stiegen? Man glaubt es nicht, aber es regnete wieder einmal. So langsam wurde uns das zur Gewohnheit. Canberra ist mit ca. 325 000 Einwohnern eine der kleineren Hauptstädte der Welt. Nirgendwo hasten Menschenmengen durch die Straßen, sondern es sind nur vereinzelte Fußgänger unterwegs. Die großzügigen breiten Straßen bis hinaus in die Wohngebiete lassen die Bewohner das Auto benutzen. Man hat den Eindruck, dass die Stadt die Verkörperung des australischen Mottos „no worries" ist. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich Michael mit seiner Frau in dieser Stadt niedergelassen hat. Wie viele Australier hat er zwei Jobs. Einerseits ist er Reiseleiter für deutschsprachige Gruppen (Dänen scheinen sich wohl eher einzeln nach Down Under zu verirren!), andrerseits gibt er Computerkurse in der Volkshochschule. Da es so gut wie keine Arbeitslosenunterstützung gibt, muss man schnell wieder etwas Neues finden. Das bestätigt sich in einer Arbeitslosenquote von nur 4%. Einen ersten Überblick über die Stadt, die nach dem Aboriginalbegriff „Kamberra“ (Versammlungsort) benannt wurde, bekommt man vom City Hill im Norden. Im Vordergrund sieht man Wohngebiete, deren breite Straßen in der Mitte einen Grünstreifen haben und an deren Rändern Bäume stehen. Eine ca. 40 Meter breite Allee mit einem breiten roten Mittelstreifen führt auf den großen Stausee zu, auf dessen anderer Seite der 610 Meter hohe Capital Hill liegt. Den obersten Teil dieses Hügels bildet das 1988 eröffnete neue Parlament. Das Dach dieses Gebäudes ist eine Grasfläche, auf der die Bürger der Stadt spazieren gehen können, sozusagen der Regierung „auf dem Kopf“ rumtrampeln! Überragt wird das Gebäude von einem 80 Meter hohen Flaggenmast, der das Wahrzeichen der Stadt und der Regierung ist. Leider konnten wir das Gebäude nicht betreten, weil gerade Parlamentssitzung war. Die Grasflächen auf dem Dach waren aus Angst vor Terroranschlägen abgesperrt. Auf der Wiese vor dem Gebäude wurde gerade der Weihnachtsbaum aufgebaut. Bereits in Melbourne erinnerte uns vor dem Hotel ein fast scheußlich zu nennender haushoher kitschigbunter Baum an die Adventszeit. Nicht weit vom neuen Regierungsgebäude befindet sich das alte Parlament, 1927 eingeweiht, in der jetzt eine Galerie untergebracht ist. Der Platz davor ist heute der Standort der Aboriginals: eine aus Holzstücken gefertigte Hütte, ein Feuer und ihre Fahnen zusammen mit bunten Zeichnungen auf dem Boden. Eine Fahrt durch das Viertel der Botschaften beendete die Besichtigung der Hauptstadt. Jede Botschaft stellt ihr Land in der Bauweise dar. So ist zum Beispiel die Botschaft von Papua-Neuguinea wie ein Langhaus gebaut. Dagegen wirkt die deutsche Botschaft etwas langweilig und erinnert an den Kanzlerbungalow in Bonn. Die Botschaft der EU ist aber auch nicht spannender gestaltet. Die Sicherheitsvorkehrungen im Diplomatenviertel bestanden aus ein bis zwei Zäunen rund um die Gebäude. An einer anderen Stelle saßen unbehelligt vier Leute auf der Wiese und meditierten. Wirklich eine friedliche Hauptstadt!
Bevor wir uns nach Sydney aufmachten, verbrachten wir die Mittagszeit im neuen Nationalmuseum, das alle Aspekte dieses Kontinents, Geschichte, Erschließung und das aktuelle Australien darstellt. Ein Museum, für das man sicher viel mehr Zeit gebrauchen könnte. So suchten wir uns nur einzelne Punkte heraus bzw. genossen im Innenhof den schönen Sommertag. Dieser Innenhof stellt ganz Australien dar. Der Boden ist mit einer stilisierten Landkarte bemalt, in der Mitte befindet sich ein roter Hügel umgeben von einer Wasserfläche. Aber wir wollten weiter. Weiter in die Metropole Sydney! Die Stadt der Olympischen Spiele 2000, mehr als zehnmal so viel Einwohner wie Canberra, zehnmal so lebhaft aber, hoffentlich nicht 10x so heiß - von der Temperatur her gesehen!
Dazwischen erwarteten uns noch vier Stunden Fahrt durch Felder und Weiden und immer dichter werdende Eukalyptuswälder, „gum trees“ genannt. Und, wir glaubten es kaum, kurz bevor wir in die Außengebiete von Sydney kamen, schüttete es wie aus Eimern. Über der City lösten sich die Wolken auf und als wir aus dem Bus stiegen, lachte uns schon wieder die Sonne entgegen.
Das Hotel steht direkt am Darling Harbour, dem schönsten Freizeithafen Sydneys direkt im Geschäftszentrum. Nach einem fantastischen Essen im Hotel fuhren wir erst einmal mit der Monorail auf Höhe der ersten Etage rund durch die City. Übrigens sind alle Stationen für Rollstuhlfahrer zugänglich! Das abschließende Bier am Hafen hinterließ bei uns den Eindruck, dass man sich in dieser Stadt selbstverständlich abends noch die Zeit für ein Treffen nimmt. Alle Tische waren sogar mitten in der Woche voll besetzt. Der Bus und eine Hafenrundfahrt führten uns in alle Winkel der Stadt: Oper und Harbour Bridge vom Land und vom Wasser, von nah dran und weit weg, Hafenanlagen für alle Arten von Schiffen, Wohnhäuser vom Feinsten mit Blick über die Bucht, einfachere Wohnhäuser und Wohnblocks mit demselben Blick und der Bondi Beach, auf dem das olympische Beach Volleyball Turnier stattfand. Eines haben alle der Bucht zugewandten Wohnzimmerfenster gemeinsam: Ein großes Fernrohr ist auf das Meer gerichtet. Meistens führten Treppen zu den Häusern an den steilen Felshängen, sodass bei dem Gedanken an den eigenen Rollstuhl der Traum von einem Haus in dieser Bucht wie eine Seifenblase zerplatzt. Am nächsten Tag stürzten wir uns zu Fuß in die City. Steil führt die Market Street zum Fernsehturm hinauf. Eine neue Herausforderung für die Helfer, deren härtester Job sonst das Aus- und Einladen von fünf Rollstuhlfahrern in den Bus war. Diese Vorgänge bezeichnete Michael mit seiner unnachahmlichen dänischen Aussprache als „Einbussen“ bzw. „Ausbussen“. Mal sehen, obdiese
Begriffe bei künftigen GRABO - Reisen zum geflügelten Wort werden. Auf dieser Tour wurden sie zum Standardbegriff. Überhaupt ist es immer wieder interessant zu beobachten, wie die Reiseführer vor Ort auf eine Rolli- Gruppe reagieren. Im Vorfeld herrscht meist eine gespannte Unsicherheit zusammen mit einer gehörigen Portion Neugier, aber es dauert in der Regel nicht mehr als einen Tag bis das Eis gebrochen ist. Der Blick vom Fernsehturm war für die einen die Übersicht über Sydney und seine Buchtenlandschaft und für andere jedoch so schwindelerregend, dass sie gleich wieder runterfahren mussten. Der Rest des Tages galt dem Einkauf von nötigen und unnötigen Dingen. Dagmar und ich suchten ganz dringend ein Film- und Fotogeschäft, da ich das Ladegerät meiner Videokamera nicht in den Koffer gepackt hatte. In Melbourne war keine Zeit mehr gewesen und in Canberra gab es wohl kein entsprechendes Geschäft, sodass ich von Canberra nur Fotos habe. Auch hier hatten wir nicht sofort Erfolg, sondern muss ten erst noch den Sony Laden finden. Der war zum Glück nicht zu weit weg. Denn es ist sicher nicht angenehm bei 25°C im Schatten einen Rollstuhl samt Insassen durch die pralle Sonne zu schieben, bloß für ein blödes Ladegerät. Bei der historischen Town Hall mussten wir dann nur noch den geeigneten Aufzug finden, um in das unterirdische Einkaufszentrum zu gelangen. Hier unter der Erde war es angenehm kühl, was vor allem im sonst 40°C heißen Sommer von den Sydnesianer geschätzt wird. Ganz in der Nähe steht das Queen Victoria Building ein vierstöckiges Einkaufszentrum aus dem 19. Jahrhundert. Schon oft in seiner Geschichte war es vom Abriss bedroht. Aber jetzt erstrahlte es im vorweihnachtlichen Glanz. Ein riesiger Weihnachtsbaum in der Mitte zwischen den beiden Längsgebäuden reichte bis in den vierten Stock. Ein Aufzug, der an die schmiedeeisernen Aufzüge in alten Pariser Wohnhäusern erinnert, brachte uns nach oben. Hier waren wir an der Spitze des Weihnachtsbaums angelangt. Außerdem konnten wir von oben auf die prächtigen Uhren schauen, die in jedem der beiden Flügel von der Decke hängen. Ein Klavierspieler erfüllte mit seiner Musik das ganze Gebäude. Hier befinden sich Souvenirläden höherer Qualität zu durchaus akzeptablen Preisen. Man findet alles was das Herz begehrt:
Digeridoos, entsprechendes CDs, Outdoor Bekleidung, Aboriginalkunst usw. Nach einem Cappuccino auf der untersten Etage ging es wieder hinaus in den brodelnden Verkehr und die Hitze. Am Abend hat Dagmar dann noch schnell mit der frisch aufgeladenen Videokamera die Stimmung rund um den Darling Harbour eingefangen. Ansonsten beendeten wir den letzten Abend in Sydney im Pub neben dem Hotel.

Das tropische Queensland
Nun war unsere Zeit im subtropischen Süden Australiens abgelaufen. Es ging zum Flughafen und die Qantas brachte uns in einem zweistündigen Flug in den Norden nach Cairns. Schon auf dem Vorfeld erinnerte mich die Luft an Hawaii. Auch dort sind die Temperaturen so um 30°C und es geht ein stetiger Wind. Cairns ist mit inzwischen 100 000 Einwohnern das Touristenzentrum des nördlichen Queensland. Die Innenstadt wird von Hotels, Restaurants, einem Spielcasino und einem Markt mit allen möglichen Souvenirs bestimmt. Die Queenslander selbst trauern dem ursprünglichen, gemütlichen Cairns nach.
Dass wir hier mitten in den Tropen sind, merkt man schon an der Kleinigkeit, dass es hier keine Sommerzeit gibt, denn die Gegensätze zwischen Sommer rund Winter fehlen in dieser geographischen Breite. So mussten wir unsere Uhren um eine Stunde zurückstellen, da das Wetter das ganze Jahr gleich ist. Nun war alles begeistert, endlich richtiges Urlaubswetter! Kaum im Hotel angekommen, fanden wir uns am Pool wieder. Beim abendlichen Steak prasselte dann um uns herum ein tropischer Regenguss allererster Güte herunter.
Der nächste Tag war der Tag der „kleinen blauen Männchen“. Kleine blaue Männchen?? Aber bitte der Reihe nach! Zuerst fuhren wir nach Norden, nach Port Douglas. In der Sommerhitze des Hafeneingangs begrüßte uns wieder einmal zwischen Palmen ein hölzerner Santa Claus auf seinem Rentierschlitten mit einem fröhlichen „Merry Christmas". Im Hafenbecken warteten zwei mächtige Katamarane, stromlinienförmige Aluminiumschiffe, denen man ihre Höchstgeschwindigkeit schon ansah. Kaum waren wir und noch drei weitere Busladungen Touristen an Bord, ging es mit 70 km/h hinaus aufs Meer. Anderthalb Stunden rasten wir über die türkisblaue Wasserfläche. Wer sich nach draußen wagte, musste auf passen, dass ihn der Fahrtwind nicht aus dem Rollstuhl riss. Na ja, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber Kopfbedeckungen jeder Art waren sehr gefährdet. Am äußeren Rand des Great Barrier Reef legten wir an einer künstlichen Insel an, genauso in Aluminium gehalten wir unser Katamaran. Und nun kommt die Geschichte mit den „kleinen blauen Männchen“. Blau - stimmt, klein - zum Teil und Männchen - zu ca. 50 Prozent. Des Rätsels Lösung ist ein stahlblauer Overall mit Kapuze, der für eine Leihgebühr vom 5 A$ die giftigen Quallen abwehren soll. Es war schon ein sehr futuristisches Bild, all diese blauen Wesen auf der Aluminiumplattform. Das ganze fand man dann auch noch zuzüglich Schnorchel- oder Taucherausrüstung um und unter der Plattform im Wasser. Und darüber kreiste jeweils für fünf Minuten der Rundflughubschrauber. Nur das Tauchboot fuhr im Verborgenen um die Insel herum.
Nein ehrlich, so futuristisch nüchtern ging es hier eigentlich gar nicht zu. Ziel aller Beteiligten war es, die Korallen und ihre Fischwelt zu erleben. Auch die Rollstuhlfahrer konnten mit einem Lifter ins Wasser gekurbelt werden. Denise, die schon in Neuseeland mit einem Bungeesprung ihren Mut bewies, erkundete hier mit Sauerstoffgerät die Unterwasserwelt. Den weniger sportlichen Gruppenmitgliedern wurde ins Tauchboot geholfen. Auch wenn die Farben durch die Scheiben nicht in ihrer Brillanz zu sehen waren, so war auch dieser Blick ein unvergessliches Erlebnis. Ein sinnvoller Nebeneffekt der blauen Overalls war der Schutz vor der brennenden Sonne der Südhalbkugel. Die Plattform selbst ist zwar zum größten Teil überdacht, aber im Wasser wurden die Sonnenstrahlen ja sogar noch reflektiert. Die australischen Helfer schützen sich mit Overall, Kappe, Nackenschutz und dunkler Sonnenbrille. Im Gegensatz zu uns sind sie während der ganzen Saison der Sonne ausgesetzt. Nach fünf Stunden auf der Plattform ging es mit nun schon gewohnter Geschwindigkeit zurück zum Hafen.
Auf der Rückfahrt kamen wir durch verschiedene beschauli- che kleine Orte. Dagmar bekam feuchte Augen als wir durch Palm Cove fuhren, wo sie vor einigen Jahren mit ihrer Familie einen Camping Urlaub gemacht hatte. Hier sind ein Teil der Häuser um die mächtigen Bäume drumherum gebaut worden. Der Campingplatz ist inzwischen einer Hotelanlage gewichen, aber trotzdem hat der Ort nichts von seinem Charme verloren. Unser letzter Tag in Cairns galt dem tropischen Regenwald und den Aboriginals. Der Zug, der im 19. Jahrhundert die Goldsucher versorgt hat, brachte uns nach Kuranda. Selbstverständlich verfügte die Touristenversion dieses Zuges über einen rollstuhlgerechten Eingang und entsprechende Stellplätze. Zuerst ging es durch den „Hinterhof“ von Cairns, hier sahen die Queensland-Häuser nicht mehr so proper aus wie an den Hauptstraßen. Diese Häuser sind auf Stelzen gebaut. Einerseits soll damit das Eindringen von unliebsamen Tieren, wie z.B. Schlangen, verhindert werden und andrerseits kühlt die durchziehende Luft von unten. Aber auch als Stauraum für Autos, Boote und alles Überflüssige bis hin zum Müll ist der Platz unter dem Haus willkommen. Und viel besser einzusehen als unsere Keller. Es war eine Fahrt hinauf in die Berge, bewachsen mit Urwaldvegetation und durchzogen von Wasserfällen. Leider blieb uns der Blick in die Küstenebene mit ihren Zuckerrohrfeldern durch den Morgennebel verborgen. Die Bahn wurde von 1886 bis 1891 gebaut. Sie geht von Meershöhe bis auf 327 m hinauf, entlang an 45° steilen Hängen. Hinderlich war beim Bau der von Felsbrocken durchsetzte fünf bis acht Meter mächtige Boden des tropischen Regenwaldes.
Oben in Kuranda war wieder reichlich Gelegenheit sein Geld für Souvenirs auszugeben. Und dann schloss sich der Höhepunkt des Tages an: Die Fahrt mit der Seilbahn über die Wipfel des immergrünen tropischen Regenwaldes. Von hier oben konnte man erkennen, dass die einzelnen Bäume durchaus ihre Vegetationsperiode haben. Einzelne Bäume hatten ihr Laub gerade abgeworfen, während die anderen voll belaubt waren. Bis auf einen Kakadu haben wir von unserer Kabine leider keine Tiere gesehen. Auf dem letzten Stück schweben die Gondeln der Rainforest Cableway über den Abhang zur Küstenebene. Hier bekamen wir den am Morgen versäumten Ausblick nachgeliefert. Abgerundet wurde der Tag im Tjapukai Aboriginal Cultural Park, wo uns deutlich wurde, dass Aboriginals nicht gleich Aboriginals sind. Hier im tropischen Regenwald sind die Lebensgrundlagen für die Eingeborenen hervorragend. So haben sie auch Zeit sich der Musik und dem Tanz zu widmen. Aus den von Termiten ausgehöhlten Baumstämmen fertigen sie ihre Digeridoos. Im Gegensatz dazu ist der Überlebenskampf in den Trockengebieten des Zentrums viel härter. Hier hat sich der Bumerang als Jagdwaffe entwickelt. Neben diesen traditionellen Lebensweisen zeigte uns ein Film, wie die weißen Siedler versucht haben die Aboriginals an ihre Lebensweise anzupassen. Die Kinder wurden zwangsweise ihren Eltern entzogen und in weiße Familien oder Internate gesteckt. Sie und ihre Nachfahren verloren so ihre ursprüngliche Identität und versuchen erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Das Zentrum gab einem viele Informationen und das zugehörige Geschäft bot viel Aboriginalkunst an, wie Stoffe und Digeridoos. Aber wenn man überlegt, dass die Muster und Bilder von den Aboriginals ursprünglich nur in den Sand gezeichnet wurden, so ist auch dieser Souvenirhandel eine Anpassung an die „neuen Eroberer“, die Touristen aus aller Welt!

2000 km von Süden nach Norden durch die Hitze

Der nächste Morgen war der Tag des Abschieds von Michael. Während er nach Canberra zurückflog, bestiegen wir das Flugzeug in das „Red Centre“ von Australien. Unter uns ging die Vegetation immer mehr zurück und der Boden wurde tatsächlich immer roter. Wir landeten direkt neben dem Ayers Rock nach fast 3000 Kilometern Flugstrecke. Eigentlich waren wir ja inzwischen an Wärme gewöhnt, aber was uns hier entgegenschlug, war eine trocken heiße Luft von 38°C. Nun wurde die Wasserflasche endgültig unser ständiger Begleiter.
Erst seit Mitte der 80er Jahren gibt es am Ayers Rock, den man seitdem korrekterweise mit seinem ursprünglichen Namen „Uluru“ bezeichnet, einen Flughafen undden winzigen Ort Yulara mit drei Hotels und einem Campingplatz. Vorher musste man die unbefestigte Straße vom 450 Kilometer entfernten Alice Springs nehmen, um hierhin zu gelangen. Heute landen hier pro Tag fünf bis sechs Flugzeuge mit jeweils ca. zweihundert Touristen. Erwartet wurden wir von Lilo, die Wolfgang schon von vorherigen Reisen kannte. Im Gegensatz zu Michael war sie schon vor über dreißig Jahren nach Australien gekommen. Trotzdem ist nicht zu überhören, dass sie aus Berlin stammt. Nach einigen Jahren in Sydney ging sie vor 28 Jahren in den Outback nach Alice Springs. Hier begann sie zunächst als Busfahrerin und wurde dann Reiseleiterin. Ihre Erfahrung und vor allem ihr phänomenales Wissen, gepaart mit guter Laune und Witz ließen die Tage mit ihr wie im Fluge vergehen. Wolfgang und sie passten in vielerlei Hinsicht gut zusammen. Ein wenig schon vom äußeren Erscheinungsbild gesehen, dann natürlich vom gemeinsamen Interesse eine gute Tour zu leiten und nicht zuletzt liebten sie es beide am Abend noch ein oder zwei Bier zu trinken. Was nicht heißt, dass der Rest der Truppe das australische Bier verachtete. Schon am ersten Abend hatten wir hier in der Wüste Gelegenheit dazu. Der Bus brachte uns mitten in den roten Sand zwischen gelbe Grashalme und leicht grüne Büsche. Auf der einen Seite lag der Ayers Rock und rechts von uns die Felsgruppe der Olgas. An diesem traumhaften Platz gab es ein genauso traumhaftes Dinner während hinter den Olgas die Sonne unterging und die erstaunlicherweise vorhandenen Wolken in allen Farben von Gelb bis Rot erstrahlen ließ. Zusätzlich zu dem uns schon bekannten Barramundifisch gab es nach dem Gläschen Sekt mit Canapés bei diesem Büffet auch Kängurusteak, Emu- und Krokodilfleisch. Hier in den Tropen wird es sehr schnell dunkel und die Szene wurde zum Dessert und Kaffee und nur noch von den Kerzen auf den Tischen beleuchtet. Auch diese wurden gelöscht, die Wolken waren inzwischen verschwunden und über uns breitete sich der Sternenhimmel der Südhalbkugel aus. Eine Mitarbeiterin aus Yulara erklärte uns dann zum Portwein die wichtigsten Sternbilder. Das Sternbild des Orion ist eines der Sternbilder, das man auf beiden Halbkugeln sehen kann. Erst an diesem Abend wurde mir klar, dass hier nicht nur die Sternbilder sondern auch der Mond auf dem Kopf stehen. Das heißt in Wirklichkeit stehen wir ja selbst auf dem Kopf im Vergleich zu Europa. Jetzt begriff ich auch, warum die Mondsichel in Sydney verkehrt herum gestanden hatte. Dieses „Sounds of Silence“ genannte Dinner hat natürlich seinen Preis. Es kostet 120 A$, das sind etwa 90 €. Aber da man als Europäer sicher nur einmal im Leben hierhin kommt, kann ich dieses Erlebnis nur dringend empfehlen. Der Absacker in der Hotelbar misslang ein wenig, weil das Hotel für Lilos Hut, auf dem Kopf wohlgemerkt, wohl zu vornehm war. Damit verzichtete sie auf ein Getränk und auch uns schmeckte das Bier eigentlich nicht mehr. Der nächste Tag war der Tag im Uluru Nationalpark mit der näheren Erkundung des Uluru und der Kata Tjuta-Berge, wie die Olgas in der Sprache der Aboriginals heißen. Die beiden Felsmassive liegen 35 Kilometer auseinander. Kata Tjuta besteht aus über dreißig Felskuppen, von denen die höchste fast 500 Meter die Ebene überragt. Wenn man näher kommt, entdeckt man erst die tiefen Schluchten zwischen den Kuppen, in denen sich das Wasser sammelt und wo seltene Pflanzen und Tiere existieren können. Um den Uluru herum gibt es eine neun Kilometer lange Straße, sodass wir diesen 350 Meter hohen Felsen auch als Rollstuhlfahrer von allen Seiten betrachten konnten. Für die Aboriginals sind diese beiden Felsen zentrale Heiligtümer. Jede Höhle hat auch heute noch ihre besondere Bedeutung. Manche sind Männerhöhlen andere sind nur für Frauen zugelassen. Das Leben spielt sich nach strengen Regeln ab, die dafür gedacht sind, die Existenzsicherung und die Fortpflanzung in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu regeln. Lilo beschrieb uns deren Leben in einem kompakten, eindrucksvollen Vortrag, wie ich ihn noch nirgendwo gelesen habe.
Im Laufe des Tages wurde der Himmel immer grauer, und als wir uns am Abend vor dem Uluru mit netten Getränken aufgebaut hatten, ballten sich hinter dem Felsen die graue Wolken zusammen und bei Blitz und Donner begann es dann zu regnen! Wie sollte es auch anders sein! Wo immer wir hinkamen regnet es! Das konnte dann hier wohl auch nicht anders sein. Alle anderen Touristen erleben hier den Uluru im abendlichen Farbenspiel der im Rücken des Betrachters untergehenden Sonne. Aber wer hat schon Regen in der australischen Wüste erlebt? Dazu muss man also mit GRABO - Tours losfahren.
Am nächsten Tag stand die Sonne wieder am blauen Himmel und wir begannen das letzte Kapitel unserer drei Wochen auf dem australischen Kontinent. Damit wir auch begriffen, dass Australien wirklich ein Kontinent ist, haben wir die letzten 2000 Kilometer bis nach Darwin im Bus zurückgelegt. Eine solche Fahrt hat ihre Reize, ist aber auch in ihrer Unendlichkeitermüdend. Vor allem wenn der Stuart Highway bis zum Horizont schnurgeradeaus geht, schläft man in den bequemen Sitzen des klimatisierten Busses tief und fest. Bei der Gelegenheit hab ich leider Lilos Vortrag über die Termiten total verpasst. Aber auch sie hatte ihre Tricks uns zu beschäftigen. Einmal sollten wir aus einem Stück Papier ein Känguru ausreißen. Das Beste hat sie dann mit einem echten australischen Schlüsselanhänger prämiert. Ein anderes Mal haben wir einen Song über Kängurus, gum trees und Schaukelstühle nach ihren Anweisungen gespielt. Etwas albern zwar, aber das bringt einen wieder eine halbe Stunde weiter. Die gesamte Strecke führte uns lang durch das Northern Territory, das mit seiner Fläche von 1,35 Millionen Quadratkilometer fast viermal so groß wie Deutschland ist. In diesem riesigen Gebiet lebt aber nur ein 3/4 Prozent deraustralischenBevölkerung, das sind weniger als 180.000 Menschen. Und so leer war es wirklich! Nur in Alice Springs hatten wir wirklich das Gefühl in einer Stadt, nein besser in einem Städtchen zu sein. Trotz seiner nur 30.000 Einwohner befindet sich hier der Mittelpunkt des „Red Centre“, wie die Region um den südlichen Wendekreis genannt wird. Die erste Nord - Süd Verbindung von Adelaide nach Darwin war die Telegrafenleitung, die im 19. Jahrhundert, seit 1872, die Verbindung von Melbourne über Asien bis zum Mutterland nach London ermöglichte. Dazu war es nötig, alle 300 Kilometer eine Telegrafenstation zu bauen. Später wurde dann vom Süden bis Alice Springs die Eisenbahn gebaut. Als Umschlagplatz auf die Straße entstand hier der größte Ort.
Einige von uns hatten sogar noch die Energie bei fast 40°C in den Ort zu gehen um ihr Bier im interessantesten Pub zu trinken. Da war Lilo als Einheimische natürlich die beste Ratgeberin. Ich selber verbrachte den Abend mit Judith, einer Abiturienten, die genau wie ich in der ostwestfälischen Kleinstadt Brakel (etwa so groß wie Alice Springs!) zu Hause ist. Sie arbeitete zu diesem Zeitpunkt in einem „Backpacker House“ für Rucksacktouristen. Wir hatten beide viel Spaß daran uns hier mitten in der australischen Wüste zu treffen.
Große Teile des Northern Territory bestehen aus der Simpson Wüste bzw. der Tanami Wüste, in der Landkarte großzügig als Aboriginal Land ausgewiesen. Die Gebiete, auch „the Tableland“ genannt, mit trockener Buschvegetation werden zur extensiven Rinderzucht genutzt. Nur der eine oder andere Briefkasten an der Straße lässt in weiter Entfernung eine Farm vermuten. Die Rinder werden, wenn nötig, per Hubschrauber und Jeep zusammengetrieben. Der Arzt, der von Alice Springs kommt, landet auf der betriebseigenen Landebahn. Das dort seit 1939 existierende Zentrum des „Royal Flying Doctor Service“ konnten wir Alice Springs besichtigen. Von hier wird ein Gebiet mit dem Radius von 600 km betreut. In diesem leben 16 000 Menschen: Farmer auf ihren einsamen Stations und ca. 14 000 Aboriginals. Je weiter wir nach Norden kamen, desto dichter wurde die Vegetation. Jetzt fufren wir bezeichnenderweise durch das „never never land“. Einzel stehende Bäume standen im höher werdenden Gras. Kängurus bekamen wir reichlich zu sehen. Sie hatten nur einen Nachteil, sie waren tot. In allen Phasen des Verfalls lagen sie am Straßenrand, überfahren von den mächtigen Road Trains; schwere Lastzüge, die mit bis zu vier nhängern mit 100 km/h auch nachts über den Highway preschen. Übrigens ist der Stuart Highway nur einspurig, nicht viel anders als eine einfache Bundesstraße bei uns. Rechts und links waren Entwässerungsgräben in den Busch geschoben, deren Sinn wir erst bei einem kräftigen Regenguss kurz vor Tennant Creek erkannten. Tennant Creek, der Bergarbeiterort mit nur noch wenigen Aboriginals als Einwohner machte einen traurigen Eindruck.
Der Bergbau ist zurückgegangen und nur die von sozialer Unterstützung lebenden Schwarzen sind übrig. Wir hatten den Eindruck, dass wir und ein paar Trucker die einzigen Gäste des Hotels waren. Parallel zur Straße verlief mal näher und mal ferner die eingleisige Strecke der neuen Bahnlinie nach Darwin. Sie ist in der Hauptsache für Fracht gedacht, während sich der Passagierverkehr auf Touristen beschränken wird. Im Februar 2004 wird diese Strecke feierlich eröffnet werden. Interessant waren die Tankstopps, meistens so nach 100 Kilometern. Das Ti -Tree Roadhouse war schon recht urig, aber immerhin noch klimatisiert. In der Ecke der Bar stand senkrecht ein offener Sarg mit eingebauten Regalbrettern, auf denen Spirituosen standen. Von der Decke hingen ein Hubschrauber und ein Flugzeug, die jemand aus lauter Langeweile aus Victoria Bitter Bierdosen zusammengebastelt hat. Die paar Meter zwischen Bus und Gastraum reichten aus, einen ganz schnell zur eisgekühlten Colaflasche greifen zu lassen. Wieder im Bus füllte uns unser Busfahrer Bryan aus seinem Wassertank die Flaschen wieder auf. Hier ein Wort zu den Benzinpreisen. Für die Australier ist ein Dollar die absolute Schmerzgrenze. Wird dieser Preis überschritten, greift der Staat mit Subventionen ein. Im Moment betrug er 0,83 A$, was ungefähr einem halben Euro entspricht. Beneidenswert!
Aber das extremste war der Daly Waters Pub! Diesen Rastplatz kann man gar nicht beschreiben, man muss ihn erleben! Eine Ansammlung von Wellblechhütten, davor ein Holzbrunnen mit einer wassergefüllten Badewanne. Gegenüber ein Hubschrauber ohne Triebwerk und Rotoren, aber säuberlich von einem Dach geschützt. Wovor eigentlich? Im inneren laufen zwei Ventilatoren an der Decke, die Wände sind voll von Erinnerungen an die Reisenden: fremde Geldscheine, Namensschilder von den Reiseleitern, Aufkleber (gelb, groß und rund der GRABO Aufkleber!). Und vom Deckenbalken hängt das, was diesen Pub weltberühmt gemacht hat, BHs aus aller Herren Länder! Den Rest des Raumes füllen eine Billardplatte, zerbrechliche Schaukelstühle und unendlich viele Zeug, das bestimmt niemand braucht. Draußen setzt sich das Ganze fort mit Motorteilen, einer einsamen Ampel und, und ... und einer Rollstuhlfahrer Toilette ganz in Wellblech gehalten!
Das alles hätte uns gefehlt, wären wir nach Darwin, zum „Top End“, geflogen. Auch hätten wir uns nicht durch den Sand rund um die Devil’s Marbles gearbeitet, hätten nicht am Nikolaus Abend in Katherine im Schweiße unseres Angesichts das abendliche Bier getrunken und hätten vor allem auf dem Weg zur Katherine Gorge nicht die einzigen lebenden Kängurus gesehen. Andererseits hätten wir auch nicht gemerkt, dass wir bei der Bootsfahrt keine Krokodile gesehen haben. Als wir in Darwin ankamen, war unser Bedarf an feuchtheißer Luft endgültig gedeckt. Zum Glück war ein irischer Pub direkt gegenüber dem Hotel, wo wir uns das letzte australische Bier gönnten. Die Stadt selbst ist nicht weltbewegend, wenn sie auch das Tor nach Asien ist. Mit seinen inzwischen 80 000 Einwohnern aller Hautfarben steigt durch den neuen Bahnanschluss die Bedeutung als Exporthafen. Die Japaner betrachteten Darwin als Einfallstor und griffen am 19.2.1942 die Stadt mit 200 Bombern aus der Luft an. Als Reaktion asphaltierten in nur einem halben Jahr Australier und Amerikaner die Piste von Alice Springs nach Darwin.
1974 wurden 90% der Gebäude der Stadt vom Taifun Tracy dem Erdboden gleichgemacht, so dass man historische Gebäude vergeblich sucht. Was bei 40°C und 90% Luftfeuchtigkeit sowieso viel zu mühsam ist. Abschließend waren wir uns alle einig, dass wir eine Supertruppe waren und dass Wolfgang Grabowski zusammen mit Lilo der beste Reiseleiter war, der je eine Gruppe im November 2003 durch Australien geführt hat. An dieser Stelle auch hier wieder der Dank an ihn und unsere Helfer Julia, Georg und Alex!

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