An einem Mittwochabend trafen wir uns im Rhein-Main
Flughafen am Schalter der Qantas Airlines. Neunzehn Reiseteilnehmer
waren versammelt, zusammengekommen aus allen Himmelsrichtungen, zwei
sogar aus der Schweiz. Fast anderthalb Jahre war es her, dass Wolfgang
(Grabowski, wer auch sonst?) am letzten Abend in New York von seinem
neusten Traum, einer Australienreise, sprach. Drei Wochen sollte es
durch die wichtigsten Teile des Kontinents gehen. Nicht nur meine
Augen, sondern auch die von Dagmar leuchteten, als wir von diesem
Plan hörten. Sie war schon mit ihrer Familie mehrfach in Australien
gewesen. Und ich träumte bereits seit einer vor über 30
Jahren geschriebenen Facharbeit über die australische Wüste
davon, diese einmal selbst zu erleben.
Singapur
Nun galt es das erste Etappenziel Singapur zu erreichen. Das kostete
uns elf Stunden Geduld im Flugzeug. Der Monitor in der Rückenlehne
des Vordersitzes bot eine Auswahl aus acht Filmen. Da der Flug aber
erst um Mitternacht losging, haben fast alle geschlafen. Vor Ort war
es schon wieder Abend und nach einem asiatischen Abendessen verschwanden
wir in den Betten. Der nächste Morgen begann nach vorzüglichem
Frühstück mit Regen und Nebel. Am Hafen begrüßte
uns der steinerne Löwe mit Fischschwanz, der die Stadt repräsentiert.
Denn "Singa" heißt Löwe und "Pur" heißt
Stadt. In einer Dschunke erlebten wir die große Bedeutung des
Containerhafens Singapur allein durch Hingucken. Auf einen Blick drängten
sich
ungefähr zehn große Containerschiffe auf dem Weg zum Containerterminal
des drittgrößten Hafens der Welt. Singapur wurde 1965 selbstständig.
Der auf Felsen gebaute Stadtstaat mit 3,5 Millionen Einwohnern macht
den Eindruck der modernen westlichen Stadt. Wolkenkratzer ragen in
den Himmel, futuristisch gestaltete Gebäude beherbergen die Oper
und das Schauspielhaus. In der auf Neulandgebiet entstandenen Raffles
City stehen neben Geschäftshochhäusern bis zu 77 Stockwerke
hohe Hotels mit über 1000 Gästezimmern neben Wohnhochhäusern.
Diese Wohnungen werden für 25 Jahre gepachtet und gehen anschließend
in das Eigentum der Bewohner über. An den Rändern sind mehr
als 15 New Towns entstanden, die die Wohnbevölkerung aufnehmen.
Der Verkehr in diesem Ballungsraum wird durch zahlreiche Autobahnen
erleichtert. An ihren Zufahrten stehen große elektronische Tafeln
mit den aktuellen Preisen, die von der Tageszeit abhängig sind.
So umgeht man lieber die morgendliche teure Rushhour und fährt
etwas später zum Einkaufsbummel ins Zentrum. Ein kleiner Pieps
im Bus zeigt an, dass das Fahrzeug erfasst ist. Die Kosten werden
entsprechend vom Fahrzeughalter abgebucht. Ähnliche Systeme erlebten
wir in Melbourne und Sydney. Vielleicht sind diese Mautsysteme nicht
satellitengesteuert, aber im Gegensatz zu der deutschen Toll Collect
Diskussion funktionieren sie!
Ich hatte den Eindruck, dass in jedem Einwohner das Streben nach wirtschaftlichem
Aufstieg für sich selbst, seine Kinder und Singapur insgesamt
vorhanden ist. Während noch 1965 das jährliche Pro Kopfeinkommen
590 US$ betrug, verdiente im Jahr 2000 jeder Einwohner 24 280 US$.
Als uns ein LKW mit Soldaten überholte, berichtete der Reiseführer
von seinem zwei einhalbjährigen (!) Militärdienst und den
Wehrübungen, die er bis zu seinem 45. Lebensjahr absolvieren
musste. Für ihn schien es ein selbstverständlicher Teil
seines Lebens gewesen zu sein. Am Nachmittag vervollständigte
eine Stadtrundfahrt unseren multikulturellen Eindruck, denn hier leben
Chinesen (78%), Malaien (14%), Inder (8%) und zum geringen Prozentsatz
Nachfahren der Kolonialherren. Sie alle nutzen die freien Tage zu
Weihnachten, zum chinesischen Neujahrsfest und zum muslimischen Ramadan.
Jedes dieser Feste ist Anlass für zwei arbeitsfreie Wochen, d.h.
sechs Wochen Jahresurlaub. Uns fiel auf, dass der Sonntag für
die Familien der Haupteinkaufstag ist.
Ehe wir uns versahen, saßen wir schon wieder in der Abflughalle
und warteten auf das Flugzeug nach Melbourne. Die nächtlichen
acht Stunden zogen sich ganz schön in die Länge, zumal ein
einjähriges Kind uns vom Schlafen abhielt. Wie soll es auch begreifen,
was in einem Flugzeug passiert.
Im Süden Australiens
Als die Maschine in Melbourne aufsetzte, trauten wir unseren Augen
nicht. Es regnete!! Dabei glaubten wir im australischen Sommer gelandet
zu sein. Aber Mitte November ist wie Mitte Mai bei uns und da darf
es auch schon mal regnen. Am Flughafen hatte uns Michael mit der für
Australien obligatorischen Wasserflasche in der Hand begrüßt.
Er erklärte uns gleich, dass man hier wegen der Hitze am Tag
anderthalb bis zwei Liter Wasser trinken müsse. So ganz passte
das aber nicht zum aktuellen Wetter!
Sein Deutsch war mit einem netten dänischen Akzent gewürzt,
der uns ein bisschen an den Koch aus der Muppet Show erinnerte. Michael
stammt aus Kopenhagen, hat in Warschau seine Frau kennengelernt und
ist ihr nach Australien gefolgt. Er freut sich, dass er im Februar
nach vier Jahren eingebürgert wird. Erst dann ist er ein echter
Aussie! Um 10:00 Uhr morgens erreichten wir das Fünf-Sterne Hotel
Westin, wo die einen die nahen Geschäftsstraßen erkundeten
und die anderen den versäumten Schlaf nachholten.
Am
nächsten Tag, einem Sonntag, stand die Sonne am blauen Himmel
und wir nutzten die leeren Straßen für eine ausgiebige
Stadtrundfahrt durch die City, am Hafen entlang, vorbei am Rod Lever
Stadion, wo die Australian Open stattfinden, bis zu dem Park, in dem
das Geburtshaus von James Cook steht. Die Australier haben es einfach
von England hierhin geschafft.
Anschließend waren alle gestraft, die noch kein Mückenspray
gekauft hatten. Denn der Park, in dem wir uns eigentlich die so niedlichen
Koalas ansehen wollten, war zusätzlich von vielen Mücken
bevölkert. Trotzdem ließen wir uns nicht beirren und fotografierten
und filmten die auf Augenhöhe sitzenden Tiere. Sie sind doch
zu putzig, vor allem wenn ein Kleiner auf dem Schoß seiner Mutter
herumturnt. Der war auch der temperamentvollste Vertreter seiner Gattung.
Alle anderen passten sich dem Lehrbuchwissen an und kauten behäbig
auf ihren Eukalyptusblättern herum. Und auch da konnten wir von
Glück sprechen, denn sie sind es gewohnt zwanzig Stunden am Tag
zu schlafen. Da die Blätter genug Wasser enthalten, brauchen
die Tiere nicht einmal zum Trinken ihren Baum zu verlassen. Erst wenn
das Laub abgefressen ist, wechseln sie nachts auf einen anderen Baum.
Im Außengelände des Parks musste man den Kopf weit in den
Nacken legen, um die Koalas in den Astgabeln der Baumwipfel zu finden.
Am Abend setzten wir unser „tierisches Programm“ fort.
Es ging ungefähr 100 Kilometer nach Süden nach Phillip Island.
Vom Meer her wehte ein kühler Wind über den Strand. Michael
bemerkte trocken: "Der Wind kommt direkt aus dem Süden,
aus der Antarktis!" Wozu also standen wir hier? An den betonierten
Sitzbänken konnte man erkennen, dass hier etwas Besonderes passieren
musste. Langsam ging die Sonne malerisch unter, immer mehr Menschen
gesellten sich zu uns. Es wurde dunkel, eine zurückhaltende Strandbeleuchtung
ließ die Brandung schwach erkennen. Wir waren inzwischen kurz
vor dem Zustand des Eiszapfens angekommen, da ging es durch die Menschenmenge:
„Da ist einer!" – „Wo?" - „Jetzt
ist er wieder ins Wasser." Ja,
wir warteten auf die Zwergpinguine, die hier quer über den Strand
rennen und dann im Unterholz zu ihren Nestern zurückkehren. Die
Pinguine selbst wollten aber sicher sein, dass ihnen keine Möwe
zu nahe kommt. Deshalb warteten sie bis es ganz dunkel war. Und dann
kamen sie in Scharen, watschelten über den nassen Sand und verschwanden
unter den Holzstegen. Überall kleine schwarzweiße Pinguine,
sogar auf dem Parkplatz. Ich denke, das Verhältnis von Touristen
zu Pinguinen war ungefähr eins zu eins. Und wir waren circa 500
Reisende von überall aus der Welt.
Der nächste Tag führte uns an die wildromantische Steilküste
im Westen von Melbourne. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatten die
Veteranen, die keine Arbeit fanden, in einem großen Projekt
die „Great Ocean Road" gebaut. Hier ging es nicht darum,
einsame Farmen oder Dörfer zu erschließen, sondern die
faszinierende Landschaft mehr Menschen als nur einsamen Wanderern
zugänglich zu machen. In den nachfolgenden Jahren entstanden
einige wenige Ferienorte, wie zum Beispiel Apollo Bay mit an der Straße
aufgereihten Häusern aller Art. Jedes hat einen fantastischen
Seeblick. Dazwischen ein Supermarkt und kleine Restaurants, das Ganze
garniert mit recht individuell aussehenden Bewohnern der Häuser;
eine Schulklasse und ihre gestressten Lehrer, wir als Rollitruppe
und sonstige Tagesausflügler. Markantestes Phänomen dieser
Küste sind die „Twelve Apostels", in Wirklichkeit
nur neun mächtige Steinsäulen, die am Strand fünfzig
bis hundert Meter vor der Steilwand stehen. Der Rückweg führte
uns wieder durch Geelong, ursprünglich der wichtigste Exporthafen
für Schafe, auch heute noch von Kleinindustrie und Handel geprägt.
Und dann ging es endlich los! Schnell war morgens alles und alle in
den Bus gepackt. Wir fuhren Richtung Nordosten stetig ansteigend in
das Gebiet der bis 2200 m hohen Snowy Mountains. Zum großen
Teil ist es eine hügelige Landschaft, die an das Alpenvorland
erinnert. Nur dass statt glücklicher Kühe hier Schafe weiden.
So manche „Station", wie die Viehbetriebe Australiens heißen,
ist aber aus wirtschaftlichen Gründen auf Rinderzucht umgestiegen.
Dann überquerten wir den Murray River, den einzigen ständig
Wasser führenden Fluss Australiens. Berühmt ist die Snowy
Mountains Region nicht nur als einziges Skigebiet auf diesem Kontinent,
sondern auch für ein riesiges Bewässerungs- und Energieprojekt.
Sechzehn Staudämme und sieben Wasserkraftwerke sorgen für
eine Flussregulierung im Einzugsgebiet des Snowy River und die Versorgung
mit Strom. Im westlichen Vorland des Gebirges entstanden weite Bewässerungsflächen.
Wie überall gab es auch hier Probleme mit der Bodenversalzung.
So wurden in der letzten Zeit die Kraftwerke heruntergefahren, um
für die Landwirtschaft und die Natur mehr natürlich abfließendes
Wasser zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der enormen Vorräte
an Rohstoffen ist Australien auch bei Erdöl und Steinkohle Selbstversorger.
Der meiste Strom stammt aus Steinkohlekraftwerken. Kommt man der Hauptstadt
Canberra immer näher, nimmt der Ackerbau zu und es gibt sogar
ein Weinanbaugebiet. Vom Bundesstaat Victoria wechselten wir in das
2 400 km2 große ACT, das „Australian Capital Territory",
das Gebiet, das die Hauptstadt und einen großen Nationalpark
umfasst. Und was passierte wohl als wir aus dem Bus stiegen? Man glaubt
es nicht, aber es regnete wieder einmal. So langsam wurde uns das
zur Gewohnheit. Canberra ist mit ca. 325 000 Einwohnern eine der kleineren
Hauptstädte der Welt. Nirgendwo hasten Menschenmengen
durch die Straßen, sondern es sind nur vereinzelte Fußgänger
unterwegs. Die großzügigen breiten Straßen bis hinaus
in die Wohngebiete lassen die Bewohner das Auto benutzen. Man hat
den Eindruck, dass die Stadt die Verkörperung des australischen
Mottos „no worries" ist. Vielleicht ist das der Grund,
weshalb sich Michael mit seiner Frau in dieser Stadt niedergelassen
hat. Wie viele Australier hat er zwei Jobs. Einerseits ist er Reiseleiter
für deutschsprachige Gruppen (Dänen scheinen sich wohl eher
einzeln nach Down Under zu verirren!), andrerseits gibt er Computerkurse
in der Volkshochschule. Da es so gut wie keine Arbeitslosenunterstützung
gibt, muss man schnell wieder etwas Neues finden. Das bestätigt
sich in einer Arbeitslosenquote von nur 4%. Einen ersten Überblick
über die Stadt, die nach dem Aboriginalbegriff „Kamberra“
(Versammlungsort) benannt wurde, bekommt man vom City Hill im Norden.
Im Vordergrund sieht man Wohngebiete, deren breite Straßen in
der Mitte einen Grünstreifen haben und an deren Rändern
Bäume stehen. Eine ca. 40 Meter breite Allee mit einem breiten
roten Mittelstreifen führt auf den großen Stausee zu, auf
dessen anderer Seite der 610 Meter hohe Capital Hill liegt. Den obersten
Teil dieses Hügels bildet das 1988 eröffnete neue Parlament.
Das Dach dieses Gebäudes ist eine Grasfläche, auf der die
Bürger der Stadt spazieren gehen können, sozusagen der Regierung
„auf dem Kopf“ rumtrampeln! Überragt wird das Gebäude
von einem 80 Meter hohen Flaggenmast, der das Wahrzeichen der Stadt
und der Regierung ist. Leider konnten wir das Gebäude nicht betreten,
weil gerade Parlamentssitzung war. Die Grasflächen auf dem Dach
waren aus Angst vor Terroranschlägen abgesperrt. Auf der Wiese
vor dem Gebäude wurde gerade der Weihnachtsbaum aufgebaut. Bereits
in Melbourne erinnerte uns vor dem Hotel ein fast scheußlich
zu nennender haushoher kitschigbunter Baum an die Adventszeit. Nicht
weit vom neuen Regierungsgebäude befindet sich das alte Parlament,
1927 eingeweiht, in der jetzt eine Galerie untergebracht ist. Der
Platz davor ist heute der Standort der Aboriginals: eine aus Holzstücken
gefertigte Hütte, ein Feuer und ihre Fahnen zusammen mit bunten
Zeichnungen auf dem Boden. Eine Fahrt durch das Viertel der Botschaften
beendete die Besichtigung der Hauptstadt. Jede Botschaft stellt ihr
Land in der Bauweise dar. So ist zum Beispiel die Botschaft von Papua-Neuguinea
wie ein Langhaus gebaut. Dagegen wirkt die deutsche Botschaft etwas
langweilig und erinnert an den Kanzlerbungalow in Bonn. Die Botschaft
der EU ist aber auch nicht spannender gestaltet. Die Sicherheitsvorkehrungen
im Diplomatenviertel bestanden aus ein bis zwei Zäunen rund um
die Gebäude. An einer anderen Stelle saßen unbehelligt
vier Leute auf der Wiese und meditierten. Wirklich eine friedliche
Hauptstadt!
Bevor
wir uns nach Sydney aufmachten, verbrachten wir die Mittagszeit im
neuen Nationalmuseum, das alle Aspekte dieses Kontinents, Geschichte,
Erschließung und das aktuelle Australien darstellt. Ein Museum,
für das man sicher viel mehr Zeit gebrauchen könnte. So
suchten wir uns nur einzelne Punkte heraus bzw. genossen im Innenhof
den schönen Sommertag. Dieser Innenhof stellt ganz Australien
dar. Der Boden ist mit einer stilisierten Landkarte bemalt, in der
Mitte befindet sich ein roter Hügel umgeben von einer Wasserfläche.
Aber wir wollten weiter. Weiter in die Metropole Sydney! Die Stadt
der Olympischen Spiele 2000, mehr als zehnmal so viel Einwohner wie
Canberra, zehnmal so lebhaft aber, hoffentlich nicht 10x so heiß
- von der Temperatur her gesehen!
Dazwischen erwarteten uns noch vier Stunden Fahrt durch Felder und
Weiden und immer dichter werdende Eukalyptuswälder, „gum
trees“ genannt. Und, wir glaubten es kaum, kurz bevor wir in
die Außengebiete von Sydney kamen, schüttete es wie aus
Eimern. Über der City lösten sich die Wolken auf und als
wir aus dem Bus stiegen, lachte uns schon wieder die Sonne entgegen.
Das Hotel steht direkt am Darling Harbour, dem schönsten Freizeithafen
Sydneys direkt im Geschäftszentrum. Nach einem fantastischen
Essen im Hotel fuhren wir erst einmal mit der Monorail auf Höhe
der ersten Etage rund durch die City. Übrigens sind alle Stationen
für Rollstuhlfahrer zugänglich! Das abschließende
Bier am Hafen hinterließ bei uns den Eindruck, dass man sich
in dieser Stadt selbstverständlich abends noch die Zeit für
ein Treffen nimmt. Alle Tische waren sogar mitten in der Woche voll
besetzt. Der Bus und eine Hafenrundfahrt führten uns in alle
Winkel der Stadt: Oper und Harbour Bridge vom Land und vom Wasser,
von nah dran und weit weg, Hafenanlagen für alle Arten von Schiffen,
Wohnhäuser vom Feinsten mit Blick über die Bucht, einfachere
Wohnhäuser und Wohnblocks mit demselben Blick und der Bondi Beach,
auf dem das olympische Beach Volleyball Turnier stattfand. Eines haben
alle der Bucht zugewandten Wohnzimmerfenster gemeinsam: Ein großes
Fernrohr ist auf das Meer gerichtet. Meistens führten Treppen
zu den Häusern an den steilen Felshängen, sodass bei dem
Gedanken an den eigenen Rollstuhl der Traum von einem Haus in dieser
Bucht wie eine Seifenblase zerplatzt. Am nächsten Tag stürzten
wir uns zu Fuß in die City. Steil führt die Market Street
zum Fernsehturm hinauf. Eine neue Herausforderung für die Helfer,
deren härtester Job sonst das Aus- und Einladen von fünf
Rollstuhlfahrern in den Bus war. Diese Vorgänge bezeichnete Michael
mit seiner unnachahmlichen dänischen Aussprache als „Einbussen“
bzw. „Ausbussen“. Mal sehen, obdiese
Begriffe
bei künftigen GRABO - Reisen zum geflügelten Wort werden.
Auf dieser Tour wurden sie zum Standardbegriff. Überhaupt ist
es immer wieder interessant zu beobachten, wie die Reiseführer
vor Ort auf eine Rolli- Gruppe reagieren. Im Vorfeld herrscht meist
eine gespannte Unsicherheit zusammen mit einer gehörigen Portion
Neugier, aber es dauert in der Regel nicht mehr als einen Tag bis
das Eis gebrochen ist. Der Blick vom Fernsehturm war für die
einen die Übersicht über Sydney und seine Buchtenlandschaft
und für andere jedoch so schwindelerregend, dass sie gleich wieder
runterfahren mussten. Der Rest des Tages galt dem Einkauf von nötigen
und unnötigen Dingen. Dagmar und ich suchten ganz dringend ein
Film- und Fotogeschäft, da ich das Ladegerät meiner Videokamera
nicht in den Koffer gepackt hatte. In Melbourne war keine Zeit mehr
gewesen und in Canberra gab es wohl kein entsprechendes Geschäft,
sodass ich von Canberra nur Fotos habe. Auch hier hatten wir nicht
sofort Erfolg, sondern muss ten erst noch den Sony Laden finden. Der
war zum Glück nicht zu weit weg. Denn es ist sicher nicht angenehm
bei 25°C im Schatten einen Rollstuhl samt Insassen durch die pralle
Sonne zu schieben, bloß für ein blödes Ladegerät.
Bei der historischen Town Hall mussten wir dann nur noch den geeigneten
Aufzug finden, um in das unterirdische Einkaufszentrum zu gelangen.
Hier unter der Erde war es angenehm kühl, was vor allem im sonst
40°C heißen Sommer von den Sydnesianer geschätzt wird.
Ganz in der Nähe steht das Queen Victoria Building ein vierstöckiges
Einkaufszentrum aus dem 19. Jahrhundert. Schon oft in seiner Geschichte
war es vom Abriss bedroht. Aber jetzt erstrahlte es im vorweihnachtlichen
Glanz. Ein riesiger Weihnachtsbaum in der Mitte zwischen den beiden
Längsgebäuden reichte bis in den vierten Stock. Ein Aufzug,
der an die schmiedeeisernen Aufzüge in alten Pariser Wohnhäusern
erinnert, brachte uns nach oben. Hier waren wir an der Spitze des
Weihnachtsbaums angelangt. Außerdem konnten wir von oben auf
die prächtigen Uhren schauen, die in jedem der beiden Flügel
von der Decke hängen. Ein Klavierspieler erfüllte mit seiner
Musik das ganze Gebäude. Hier befinden sich Souvenirläden
höherer Qualität zu durchaus akzeptablen Preisen. Man findet
alles was das Herz begehrt:
Digeridoos, entsprechendes CDs, Outdoor Bekleidung, Aboriginalkunst
usw. Nach einem Cappuccino auf der untersten Etage ging es wieder
hinaus in den brodelnden Verkehr und die Hitze. Am Abend hat Dagmar
dann noch schnell mit der frisch aufgeladenen Videokamera die Stimmung
rund um den Darling Harbour eingefangen. Ansonsten beendeten wir den
letzten Abend in Sydney im Pub neben dem Hotel.
Das tropische Queensland
Nun war unsere Zeit im subtropischen Süden Australiens abgelaufen.
Es ging zum Flughafen und die Qantas brachte uns in einem zweistündigen
Flug in den Norden nach Cairns. Schon auf dem Vorfeld erinnerte mich
die Luft an Hawaii. Auch dort sind die Temperaturen so um 30°C
und es geht ein stetiger Wind. Cairns ist mit inzwischen 100 000 Einwohnern
das Touristenzentrum des nördlichen Queensland. Die Innenstadt
wird von Hotels, Restaurants, einem Spielcasino und einem Markt mit
allen möglichen Souvenirs bestimmt. Die Queenslander selbst trauern
dem ursprünglichen, gemütlichen Cairns nach.
Dass wir hier mitten in den Tropen sind, merkt man schon an der Kleinigkeit,
dass es hier keine Sommerzeit gibt, denn die Gegensätze zwischen
Sommer rund Winter fehlen in dieser geographischen Breite. So mussten
wir unsere Uhren um eine Stunde zurückstellen, da das Wetter
das ganze Jahr gleich ist. Nun war alles begeistert, endlich richtiges
Urlaubswetter! Kaum im Hotel angekommen, fanden wir uns am Pool wieder.
Beim abendlichen Steak prasselte dann um uns herum ein tropischer
Regenguss allererster Güte herunter.
Der nächste Tag war der Tag der „kleinen blauen Männchen“.
Kleine blaue Männchen?? Aber bitte der Reihe nach! Zuerst fuhren
wir nach Norden, nach Port Douglas. In der Sommerhitze des Hafeneingangs
begrüßte uns wieder einmal zwischen Palmen ein hölzerner
Santa Claus auf seinem Rentierschlitten mit einem fröhlichen
„Merry Christmas". Im Hafenbecken warteten zwei mächtige
Katamarane, stromlinienförmige Aluminiumschiffe, denen man ihre
Höchstgeschwindigkeit schon ansah. Kaum waren wir und noch drei
weitere Busladungen Touristen an Bord, ging es mit 70 km/h hinaus
aufs Meer. Anderthalb Stunden rasten wir über die türkisblaue
Wasserfläche. Wer sich nach draußen wagte, musste auf passen,
dass ihn der Fahrtwind nicht aus dem Rollstuhl riss. Na ja, das ist
vielleicht etwas übertrieben, aber Kopfbedeckungen jeder Art
waren sehr gefährdet. Am äußeren Rand des Great Barrier
Reef legten wir an einer künstlichen Insel an, genauso in Aluminium
gehalten wir unser Katamaran. Und nun kommt die Geschichte mit den
„kleinen blauen Männchen“. Blau - stimmt, klein -
zum Teil und Männchen - zu ca. 50 Prozent. Des Rätsels Lösung
ist ein stahlblauer Overall mit Kapuze, der für eine Leihgebühr
vom 5 A$ die giftigen Quallen abwehren soll. Es war schon ein sehr
futuristisches Bild, all diese blauen Wesen auf der Aluminiumplattform.
Das ganze fand man dann auch noch zuzüglich Schnorchel- oder
Taucherausrüstung um und unter der Plattform im Wasser. Und darüber
kreiste jeweils für fünf Minuten der Rundflughubschrauber.
Nur das Tauchboot fuhr im Verborgenen um die Insel herum.
Nein
ehrlich, so futuristisch nüchtern ging es hier eigentlich gar
nicht zu. Ziel aller Beteiligten war es, die Korallen und ihre Fischwelt
zu erleben. Auch die Rollstuhlfahrer konnten mit einem Lifter ins
Wasser gekurbelt werden. Denise, die schon in Neuseeland mit einem
Bungeesprung ihren Mut bewies, erkundete hier mit Sauerstoffgerät
die Unterwasserwelt. Den weniger sportlichen Gruppenmitgliedern wurde
ins Tauchboot geholfen. Auch wenn die Farben durch die Scheiben nicht
in ihrer Brillanz zu sehen waren, so war auch dieser Blick ein unvergessliches
Erlebnis. Ein sinnvoller Nebeneffekt der blauen Overalls war der Schutz
vor der brennenden Sonne der Südhalbkugel. Die Plattform selbst
ist zwar zum größten Teil überdacht, aber im Wasser
wurden die Sonnenstrahlen ja sogar noch reflektiert. Die australischen
Helfer schützen sich mit Overall, Kappe, Nackenschutz und dunkler
Sonnenbrille. Im Gegensatz zu uns sind sie während der ganzen
Saison der Sonne ausgesetzt. Nach fünf Stunden auf der Plattform
ging es mit nun schon gewohnter Geschwindigkeit zurück zum Hafen.
Auf der Rückfahrt kamen wir durch verschiedene beschauli- che
kleine Orte. Dagmar bekam feuchte Augen als wir durch Palm Cove fuhren,
wo sie vor einigen Jahren mit ihrer Familie einen Camping Urlaub gemacht
hatte. Hier sind ein Teil der Häuser um die mächtigen Bäume
drumherum gebaut worden. Der Campingplatz ist inzwischen einer Hotelanlage
gewichen, aber trotzdem hat der Ort nichts von seinem Charme verloren.
Unser letzter Tag in Cairns galt dem tropischen Regenwald und den
Aboriginals. Der Zug, der im 19. Jahrhundert die Goldsucher versorgt
hat, brachte uns nach Kuranda. Selbstverständlich verfügte
die Touristenversion dieses Zuges über einen rollstuhlgerechten
Eingang und entsprechende Stellplätze. Zuerst ging es durch den
„Hinterhof“ von Cairns, hier sahen die Queensland-Häuser
nicht mehr so proper aus wie an den Hauptstraßen. Diese Häuser
sind auf Stelzen gebaut. Einerseits soll damit das Eindringen von
unliebsamen Tieren, wie z.B. Schlangen, verhindert werden und andrerseits
kühlt die durchziehende Luft von unten. Aber auch als Stauraum
für Autos, Boote und alles Überflüssige bis hin zum
Müll ist der Platz unter dem Haus willkommen. Und viel besser
einzusehen als unsere Keller. Es war eine Fahrt hinauf in die Berge,
bewachsen mit Urwaldvegetation und durchzogen von Wasserfällen.
Leider blieb uns der Blick in die Küstenebene mit ihren Zuckerrohrfeldern
durch den Morgennebel verborgen. Die Bahn wurde von 1886 bis 1891
gebaut. Sie geht von Meershöhe bis auf 327 m hinauf, entlang
an 45° steilen Hängen. Hinderlich war beim Bau der von Felsbrocken
durchsetzte fünf bis acht Meter mächtige Boden des tropischen
Regenwaldes.
Oben
in Kuranda war wieder reichlich Gelegenheit sein Geld für Souvenirs
auszugeben. Und dann schloss sich der Höhepunkt des Tages an:
Die Fahrt mit der Seilbahn über die Wipfel des immergrünen
tropischen Regenwaldes. Von hier oben konnte man erkennen, dass die
einzelnen Bäume durchaus ihre Vegetationsperiode haben. Einzelne
Bäume hatten ihr Laub gerade abgeworfen, während die anderen
voll belaubt waren. Bis auf einen Kakadu haben wir von unserer Kabine
leider keine Tiere gesehen. Auf dem letzten Stück schweben die
Gondeln der Rainforest Cableway über den Abhang zur Küstenebene.
Hier bekamen wir den am Morgen versäumten Ausblick nachgeliefert.
Abgerundet wurde der Tag im Tjapukai Aboriginal Cultural Park, wo
uns deutlich wurde, dass Aboriginals nicht gleich Aboriginals sind.
Hier im tropischen Regenwald sind die Lebensgrundlagen für die
Eingeborenen hervorragend. So haben sie auch Zeit sich der Musik und
dem Tanz zu widmen. Aus den von Termiten ausgehöhlten Baumstämmen
fertigen sie ihre Digeridoos. Im Gegensatz dazu ist der Überlebenskampf
in den Trockengebieten des Zentrums viel härter. Hier hat sich
der Bumerang als Jagdwaffe entwickelt. Neben diesen traditionellen
Lebensweisen zeigte uns ein Film, wie die weißen Siedler versucht
haben die Aboriginals an ihre Lebensweise anzupassen. Die Kinder wurden
zwangsweise ihren Eltern entzogen und in weiße Familien oder
Internate gesteckt. Sie und ihre Nachfahren verloren so ihre ursprüngliche
Identität und versuchen erst seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder
zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Das Zentrum gab einem
viele Informationen und das zugehörige Geschäft bot viel
Aboriginalkunst an, wie Stoffe und Digeridoos. Aber wenn man überlegt,
dass die Muster und Bilder von den Aboriginals ursprünglich nur
in den Sand gezeichnet wurden, so ist auch dieser Souvenirhandel eine
Anpassung an die „neuen Eroberer“, die Touristen aus aller
Welt!
2000 km von Süden nach Norden durch die Hitze
Der nächste Morgen war der Tag des Abschieds von Michael. Während
er nach Canberra zurückflog, bestiegen wir das Flugzeug in das
„Red Centre“ von Australien. Unter uns ging die Vegetation
immer mehr zurück und der Boden wurde tatsächlich immer
roter. Wir landeten direkt neben dem Ayers Rock nach fast 3000 Kilometern
Flugstrecke. Eigentlich waren wir ja inzwischen an Wärme gewöhnt,
aber was uns hier entgegenschlug, war eine trocken heiße Luft
von 38°C. Nun wurde die Wasserflasche endgültig unser ständiger
Begleiter.
Erst seit Mitte der 80er Jahren gibt es am Ayers Rock, den man seitdem
korrekterweise mit seinem ursprünglichen Namen „Uluru“
bezeichnet, einen Flughafen undden winzigen Ort Yulara mit drei Hotels
und einem Campingplatz. Vorher musste man die unbefestigte Straße
vom 450 Kilometer entfernten Alice Springs nehmen, um hierhin zu gelangen.
Heute landen hier pro Tag fünf bis sechs Flugzeuge mit jeweils
ca. zweihundert Touristen. Erwartet wurden wir von Lilo, die Wolfgang
schon von vorherigen Reisen kannte. Im Gegensatz zu Michael war sie
schon vor über dreißig Jahren nach Australien gekommen.
Trotzdem ist nicht zu überhören, dass sie aus Berlin stammt.
Nach einigen Jahren in Sydney ging sie vor 28 Jahren in den Outback
nach Alice Springs. Hier begann sie zunächst als Busfahrerin
und wurde dann Reiseleiterin. Ihre Erfahrung und vor allem ihr phänomenales
Wissen, gepaart mit guter Laune und Witz ließen die Tage mit
ihr wie im Fluge vergehen. Wolfgang und sie passten in vielerlei Hinsicht
gut zusammen. Ein wenig schon vom äußeren Erscheinungsbild
gesehen, dann natürlich vom gemeinsamen Interesse eine gute Tour
zu leiten und nicht zuletzt liebten sie es beide am Abend noch ein
oder zwei Bier zu trinken. Was nicht heißt, dass der Rest der
Truppe das australische Bier verachtete. Schon am ersten Abend hatten
wir hier in der Wüste Gelegenheit dazu. Der Bus
brachte uns mitten in den roten Sand zwischen gelbe Grashalme und
leicht grüne Büsche. Auf der einen Seite lag der Ayers Rock
und rechts von uns die Felsgruppe der Olgas. An diesem traumhaften
Platz gab es ein genauso traumhaftes Dinner während hinter den
Olgas die Sonne unterging und die erstaunlicherweise vorhandenen Wolken
in allen Farben von Gelb bis Rot erstrahlen ließ. Zusätzlich
zu dem uns schon bekannten Barramundifisch gab es nach dem Gläschen
Sekt mit Canapés bei diesem Büffet auch Kängurusteak,
Emu- und Krokodilfleisch. Hier in den Tropen wird es sehr schnell
dunkel und die Szene wurde zum Dessert und Kaffee und nur noch von
den Kerzen auf den Tischen beleuchtet. Auch diese wurden gelöscht,
die Wolken waren inzwischen verschwunden und über uns breitete
sich der Sternenhimmel der Südhalbkugel aus. Eine Mitarbeiterin
aus Yulara erklärte uns dann zum Portwein die wichtigsten Sternbilder.
Das Sternbild des Orion ist eines der Sternbilder, das man auf beiden
Halbkugeln sehen kann. Erst an diesem Abend wurde mir klar, dass hier
nicht nur die Sternbilder sondern auch der Mond auf dem Kopf stehen.
Das heißt in Wirklichkeit stehen wir ja selbst auf dem Kopf
im Vergleich zu Europa. Jetzt begriff ich auch, warum die Mondsichel
in Sydney verkehrt herum gestanden hatte. Dieses „Sounds of
Silence“ genannte Dinner hat natürlich seinen Preis. Es
kostet 120 A$, das sind etwa 90 €. Aber da man als Europäer
sicher nur einmal im Leben hierhin kommt, kann ich dieses Erlebnis
nur dringend empfehlen. Der Absacker in der Hotelbar misslang ein
wenig, weil das Hotel für Lilos Hut, auf dem Kopf wohlgemerkt,
wohl zu vornehm war. Damit verzichtete sie auf ein Getränk und
auch uns schmeckte das Bier eigentlich nicht mehr. Der nächste
Tag war der Tag im Uluru Nationalpark mit der näheren Erkundung
des Uluru und der Kata Tjuta-Berge, wie die Olgas in der Sprache der
Aboriginals heißen. Die beiden Felsmassive liegen 35 Kilometer
auseinander. Kata Tjuta besteht aus über dreißig Felskuppen,
von denen die höchste fast 500 Meter die Ebene überragt.
Wenn man näher kommt, entdeckt man erst die tiefen Schluchten
zwischen den Kuppen, in denen sich das Wasser sammelt und wo seltene
Pflanzen und Tiere existieren können. Um den Uluru herum gibt
es eine neun Kilometer lange Straße, sodass wir diesen 350 Meter
hohen Felsen auch als Rollstuhlfahrer von allen Seiten betrachten
konnten. Für die Aboriginals sind diese beiden Felsen zentrale
Heiligtümer. Jede Höhle hat auch heute noch ihre besondere
Bedeutung. Manche sind Männerhöhlen andere sind nur für
Frauen zugelassen. Das Leben spielt sich nach strengen Regeln ab,
die dafür gedacht sind, die Existenzsicherung und die Fortpflanzung
in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu regeln. Lilo beschrieb uns
deren Leben in einem kompakten, eindrucksvollen Vortrag, wie ich ihn
noch nirgendwo gelesen habe.
Im
Laufe des Tages wurde der Himmel immer grauer, und als wir uns am
Abend vor dem Uluru mit netten Getränken aufgebaut hatten, ballten
sich hinter dem Felsen die graue Wolken zusammen und bei Blitz und
Donner begann es dann zu regnen! Wie sollte es auch anders sein! Wo
immer wir hinkamen regnet es! Das konnte dann hier wohl auch nicht
anders sein. Alle anderen Touristen erleben hier den Uluru im abendlichen
Farbenspiel der im Rücken des Betrachters untergehenden Sonne.
Aber wer hat schon Regen in der australischen Wüste erlebt? Dazu
muss man also mit GRABO - Tours losfahren.
Am nächsten Tag stand die Sonne wieder am blauen Himmel und wir
begannen das letzte Kapitel unserer drei Wochen auf dem australischen
Kontinent. Damit wir auch begriffen, dass Australien wirklich ein
Kontinent ist, haben wir die letzten 2000 Kilometer bis nach Darwin
im Bus zurückgelegt. Eine solche Fahrt hat ihre Reize, ist aber
auch in ihrer Unendlichkeitermüdend. Vor allem wenn der Stuart
Highway bis zum Horizont schnurgeradeaus geht, schläft man in
den bequemen Sitzen des klimatisierten Busses tief und fest. Bei der
Gelegenheit hab ich leider Lilos Vortrag über die Termiten total
verpasst. Aber auch sie hatte ihre Tricks uns zu beschäftigen.
Einmal sollten wir aus einem Stück Papier ein Känguru ausreißen.
Das Beste hat sie dann mit einem echten australischen Schlüsselanhänger
prämiert. Ein anderes Mal haben wir einen Song über Kängurus,
gum trees und Schaukelstühle nach ihren Anweisungen gespielt.
Etwas albern zwar, aber das bringt einen wieder eine halbe Stunde
weiter. Die gesamte Strecke führte uns lang durch das Northern
Territory, das mit seiner Fläche von 1,35 Millionen Quadratkilometer
fast viermal so groß wie Deutschland ist. In diesem riesigen
Gebiet lebt aber nur ein 3/4 Prozent deraustralischenBevölkerung,
das sind weniger als 180.000 Menschen. Und so leer war es wirklich!
Nur in Alice Springs hatten wir wirklich das Gefühl in einer
Stadt, nein besser in einem Städtchen zu sein. Trotz seiner nur
30.000 Einwohner befindet sich hier der Mittelpunkt des „Red
Centre“, wie die Region um den südlichen Wendekreis genannt
wird. Die erste Nord - Süd Verbindung von Adelaide nach Darwin
war die Telegrafenleitung, die im 19. Jahrhundert, seit 1872, die
Verbindung von Melbourne über Asien bis zum Mutterland nach London
ermöglichte. Dazu war es nötig, alle 300 Kilometer eine
Telegrafenstation zu bauen. Später wurde dann vom Süden
bis Alice Springs die Eisenbahn gebaut. Als Umschlagplatz auf die
Straße entstand hier der größte Ort.
Einige von uns hatten sogar noch die Energie bei fast 40°C in
den Ort zu gehen um ihr Bier im interessantesten Pub zu trinken. Da
war Lilo als Einheimische natürlich die beste Ratgeberin. Ich
selber verbrachte den Abend mit Judith, einer Abiturienten, die genau
wie ich in der ostwestfälischen Kleinstadt Brakel (etwa so groß
wie Alice Springs!) zu Hause ist. Sie arbeitete zu diesem Zeitpunkt
in einem „Backpacker House“ für Rucksacktouristen.
Wir hatten beide viel Spaß daran uns hier mitten in der australischen
Wüste zu treffen.
Große
Teile des Northern Territory bestehen aus der Simpson Wüste bzw.
der Tanami Wüste, in der Landkarte großzügig als Aboriginal
Land ausgewiesen. Die Gebiete, auch „the Tableland“ genannt,
mit trockener Buschvegetation werden zur extensiven Rinderzucht genutzt.
Nur der eine oder andere Briefkasten an der Straße lässt
in weiter Entfernung eine Farm vermuten. Die Rinder werden, wenn nötig,
per Hubschrauber und Jeep zusammengetrieben. Der Arzt, der von Alice
Springs kommt, landet auf der betriebseigenen Landebahn. Das dort
seit 1939 existierende Zentrum des „Royal Flying Doctor Service“
konnten wir Alice Springs besichtigen. Von hier wird ein Gebiet mit
dem Radius von 600 km betreut. In diesem leben 16 000 Menschen: Farmer
auf ihren einsamen Stations und ca. 14 000 Aboriginals. Je weiter
wir nach Norden kamen, desto dichter wurde die Vegetation. Jetzt fufren
wir bezeichnenderweise durch das „never never land“. Einzel
stehende Bäume standen im höher werdenden Gras. Kängurus
bekamen wir reichlich zu sehen. Sie hatten nur einen Nachteil, sie
waren tot. In allen Phasen des Verfalls lagen sie am Straßenrand,
überfahren von den mächtigen Road Trains; schwere Lastzüge,
die mit bis zu vier nhängern mit 100 km/h auch nachts über
den Highway preschen. Übrigens ist der Stuart Highway nur einspurig,
nicht viel anders als eine einfache Bundesstraße bei uns. Rechts
und links waren Entwässerungsgräben in den Busch geschoben,
deren Sinn wir erst bei einem kräftigen Regenguss kurz vor Tennant
Creek erkannten. Tennant Creek, der Bergarbeiterort mit nur noch wenigen
Aboriginals als Einwohner machte einen traurigen Eindruck.
Der Bergbau ist zurückgegangen und nur die von sozialer Unterstützung
lebenden Schwarzen sind übrig. Wir hatten den Eindruck, dass
wir und ein paar Trucker die einzigen Gäste des Hotels waren.
Parallel zur Straße verlief mal näher und mal ferner die
eingleisige Strecke der neuen Bahnlinie nach Darwin. Sie ist in der
Hauptsache für Fracht gedacht, während sich der Passagierverkehr
auf Touristen beschränken wird. Im Februar 2004 wird diese Strecke
feierlich eröffnet werden. Interessant waren die Tankstopps,
meistens so nach 100 Kilometern. Das Ti -Tree Roadhouse war schon
recht urig, aber immerhin noch klimatisiert. In der Ecke der Bar stand
senkrecht ein offener Sarg mit eingebauten Regalbrettern, auf denen
Spirituosen standen. Von der Decke hingen ein Hubschrauber und ein
Flugzeug, die jemand aus lauter Langeweile aus Victoria Bitter Bierdosen
zusammengebastelt hat. Die paar Meter zwischen Bus und Gastraum reichten
aus, einen ganz schnell zur eisgekühlten Colaflasche greifen
zu lassen. Wieder im Bus füllte uns unser Busfahrer Bryan aus
seinem Wassertank die Flaschen wieder auf. Hier ein Wort zu den Benzinpreisen.
Für die Australier ist ein Dollar die absolute Schmerzgrenze.
Wird dieser Preis überschritten, greift der Staat mit Subventionen
ein. Im Moment betrug er 0,83 A$, was ungefähr einem halben Euro
entspricht. Beneidenswert!
Aber das extremste
war der Daly Waters Pub! Diesen Rastplatz kann man gar nicht beschreiben,
man muss ihn erleben! Eine Ansammlung von Wellblechhütten, davor
ein Holzbrunnen mit einer wassergefüllten Badewanne. Gegenüber
ein Hubschrauber ohne Triebwerk und Rotoren, aber säuberlich
von einem Dach geschützt. Wovor eigentlich? Im inneren laufen
zwei Ventilatoren an der Decke, die Wände sind voll von Erinnerungen
an die Reisenden: fremde Geldscheine, Namensschilder von den Reiseleitern,
Aufkleber (gelb, groß und rund der GRABO Aufkleber!). Und vom
Deckenbalken hängt das, was diesen Pub weltberühmt gemacht
hat, BHs aus aller Herren Länder! Den Rest des Raumes füllen
eine Billardplatte, zerbrechliche Schaukelstühle und unendlich
viele Zeug, das bestimmt niemand braucht. Draußen setzt sich
das Ganze fort mit Motorteilen, einer einsamen Ampel und, und ...
und einer Rollstuhlfahrer Toilette ganz in Wellblech gehalten!
Das alles hätte uns gefehlt, wären wir nach Darwin, zum
„Top End“, geflogen. Auch hätten wir uns nicht durch
den Sand rund um die Devil’s Marbles gearbeitet, hätten
nicht am Nikolaus Abend in Katherine im Schweiße unseres Angesichts
das abendliche Bier getrunken und hätten vor allem auf dem Weg
zur Katherine Gorge nicht die einzigen lebenden Kängurus gesehen.
Andererseits hätten wir auch nicht gemerkt, dass wir bei der
Bootsfahrt keine Krokodile gesehen haben. Als wir in Darwin ankamen,
war unser Bedarf an feuchtheißer Luft endgültig gedeckt.
Zum Glück war ein irischer Pub direkt gegenüber dem Hotel,
wo wir uns das letzte australische Bier gönnten. Die Stadt selbst
ist nicht weltbewegend, wenn sie auch das Tor nach Asien ist. Mit
seinen inzwischen 80 000 Einwohnern aller Hautfarben steigt durch
den neuen Bahnanschluss die Bedeutung als Exporthafen. Die Japaner
betrachteten Darwin als Einfallstor und griffen am 19.2.1942 die Stadt
mit 200 Bombern aus der Luft an. Als Reaktion asphaltierten in nur
einem halben Jahr Australier und Amerikaner die Piste von Alice Springs
nach Darwin.
1974 wurden 90% der Gebäude der Stadt vom Taifun Tracy dem Erdboden
gleichgemacht, so dass man historische Gebäude vergeblich sucht.
Was bei 40°C und 90% Luftfeuchtigkeit sowieso viel zu mühsam
ist. Abschließend waren wir uns alle einig, dass wir eine Supertruppe
waren und dass Wolfgang Grabowski zusammen mit Lilo der beste Reiseleiter
war, der je eine Gruppe im November 2003 durch Australien geführt
hat. An dieser Stelle auch hier wieder der Dank an ihn und unsere
Helfer Julia, Georg und Alex! |