AROSA 2003 - Impressionen einer traumhaften Karibikkreuzfahrt
von Klaus Sans

Es war der Samstagmorgen des 18. Januar und es war bitterkalt in Deutschland als sich am Frankfurter Flughafen ein reiselustiges Grüppchen von 13 Personen traf, die es vorzogen dem Winter in Europa zu entfliehen und stattdessen die warmen Temperaturen der Karibik zu genießen.

Keine Frage, unser Schiff, die AROSA BLU, ist ein sehr schönes und großes Schiff mit insgesamt 14 Decks. Besonders fantastisch sieht die AROSA in der Nacht aus, wenn sie in einem Hafen vor Anker liegt und rundherum beleuchtet ist. Was wir da für einen Koloss unter den Füßen haben, merkt man immer beim Ablegen von der Pier. Zentimeterweise setzt sich das Schiff langsam in Bewegung, entfernt sich vom Land und nimmt Fahrt auf. Dann erreicht die AROSA eine Geschwindigkeit von 20 Knoten. Ist die Masse aus Eisen und Stahl erst mal in voller Fahrt, dann ist sie nur schwer zu bremsen. Bei einer Vollbremsung beträgt der Bremsweg immer noch 2 – 3 Kilometer. Schlechte Aussichten für Leute, die da unbedacht in die Quere kommen. Ein Eisberg konnte uns in diesen Breiten zum Glück nicht vor den Bug kommen. Trotz meiner mittlerweile 3. Kreuzfahrt konnte ich bisher noch nie an einer Brückenbesichtigung teilnehmen. Besichtigungen der Brücke und des Maschinenraums seien seit den Terroranschlägen von New York unerwünscht. Aber sei’s drum, unsere Reisegruppe bestand aus 7 Rollstuhlfahrern und 6 Begleitpersonen, wobei sich die AROSA durchaus als rollstuhlfreundlich bezeichnen lässt. Sie hat 10 Rollstuhlkabinen, die sich alle in der Nähe eines Aufzuges befinden, sie haben breite Türen und keine Stufen. Die Dusche ist unterfahrbar und mit einem Klappsitz ausgestattet. Auch die Toilettenschüssel ist in angenehmer Höhe angebracht. Öffentliche Behindertentoiletten gibt es übrigens überall auf der AROSA. Für Rollstuhlfahrer sind sie allerdings völlig ungeeignet ,da sich vor allen Toiletten eine Stufe befindet. Ein Rollstuhlfahrer kommt ohne fremde Hilfe also überhaupt nicht hinein. Was man sich dabei gedacht hat, weiß ich auch nicht. Auf der AROSA befindet sich das größte Theater, das in einem Kreuzfahrtschiff auf den Weltmeeren unterwegs ist. Das Theater besitzt sogar extra Stellplätze für Rollstuhlfahrer, die sind allerdings auf der Zuschauertribüne ganz hinten. Man hat aber auch von hier einen ganz passablen Blick. Das Theaterprogramm mit ziemlich viel Operettenmusik fand ich nicht besonders anregend, da es wohl mehr auf das etwas ältere Publikum zugeschnitten ist. Ein Kino gab es auch auf der AROSA. Wir waren in „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Da sich auch hier die Rolliplätze ganz hinten befinden, frönte fast unsere komplette Gruppe dem Erholungsschlaf. Spät wurde es nämlich jede Nacht. Die Diskothek, der „Heavens Club“ befand sich auf Deck 14, dem obersten Stockwerk. Hier nahmen wir allabendlich nach der Poolparty noch einen Absacker zu uns. Die 7 Aufzüge der AROSA waren niemals überfüllt und brachten uns Rollifahrer überall hin. Ob wir jetzt nur deshalb nicht vor den Aufzügen warten mussten, weil die AROSA nur zu 45% ausgebucht war, kann ich nicht beurteilen. Aufgrund des relativ leeren Schiffes war jedenfalls überall genügend Platz, was sich vor allem auf der Tanzfläche bemerkbar machte. Und dafür ist man als Rollifahrer immer doppelt dankbar.

Während unserer ersten Nacht an Bord der AROSA habe ich schlecht geschlafen. Man merkt hier trotz der eingeschalteten Stabilis-satoren den Seegang der Karibik, der doch etwas stärker ist als im Mittelmeer, geschweige denn in der Ägäis. Bei einigen aus unserer Gruppe zeigte der karibische Seegang am 1. Seetag seine Wirkung, aber mit den entsprechenden Mittelchen bekamen wir dieses Problem schnell in den Griff. Während unserer Fahrt nach Mexiko waren wir den ganzen Tag auf hoher See unterwegs. An diesem Tag fand die übliche Seenotrettungsübung statt. Wir begaben uns dazu im Rollstuhl zum angegebenen Treffpunkt und zogen uns dort unsere Schwimmwesten an, die uns Max aus unseren verschiedenen Kabinen geholt hatte. Unser Reiseleiter Max ist in solchen Dingen bereits sehr versiert. Kein Wunder, das war mittlerweile seine 9. Kreuzfahrt.

Der Meeresboden befand sich laut Auskunft des Kapitäns einige 1.000 m unter uns. Auf hoher See und fernab von den Sorgen des Alltags macht das Faulenzen auf dem Sonnendeck eindeutig am meisten Spaß. Hierbei vertrieben uns die Sänger des AROSA-Showensembles mit einigen Hits die Zeit. Was hätten wir nur gemacht, hätte es die tägliche Bordzeitung mit den neuesten Nachrichten aus Deutschland nicht gegeben. Heike und Tante Lilo wollten nämlich unbedingt wissen, wer am Samstag bei „Deutschland sucht den Superstar“ rausgeflogen ist. In den AROSA-News war so etwas nachzulesen.

Montags war unser 1. Landgang geplant. Am Morgen landeten wir auf der größten mexikanischen Insel Cozumel. Sie ist 20 Kilometer von der mexikanischen Halbinsel Yucatan entfernt. Wir machten hier bei herrlichem Wetter eine Inselrundfahrt entlang der weißen Sandstrandküste, und besuchten anschließend die sehr interessanten Majastätten von San Gervasio, die uns von einem Fremdenführer genauestens erklärt wurden. Die holprigen Wege der Majas waren nichts für Rollstuhlfahrer. Bei den Majas gab es eben noch kein Gleichstellungsgesetz für Behinderte.

Für den Seeweg zwischen Mexiko und Havanna wurde wieder etwas mehr Zeit benötigt, so wurde an diesem Tag bereits der erholsame 2. Seetag eingelegt. So ein Seetag ist immer geeignet, um einmal das Schiff zu inspizieren. Viele Gäste halten sich an einem Seetag auch durch Jogging fit. Oder man geht ins Fitness- und Wellness-Studio der Arosa oder in die Sauna. Verschiedenartige Massagen sind hier im Angebot, Gymnastik und vieles mehr.

Mittwochmorgen in Havanna ankamen, machten wir bei herrlichem Sonnenschein eine Stadtrundfahrt in alten amerikanischen Oldtimern mit offenem Verdeck, war super. Wir wurden dabei über den Malecon gefahren, vorbei am Platz der Revolution, und über den riesigen Friedhof von Havanna. Als wir an der streng bewachten amerika-nischen Botschaft vorbe-kamen, nahm ich kurz meine alte Revoluzzermütze ab, um mit dem roten Sowjetstern niemanden zu provozieren. Anschließend besichtigten wir noch eine Zigarrenfabrik, in der die Angestellten ihre selbstgerollten Zigarren unter der Hand für ein paar Dollar anboten.

Bei unserem nächtlichen Kneipenbummel durch Havanna, machten wir unerwartet Bekanntschaft mit einer anderen, einheimischen Behindertengruppe. Sie waren allesamt taubstumm und wild gestikulierend unterhielten sie sich miteinander. Das interessierte uns. Obwohl wir keine Taubstummensprache und sie kein englisch verstanden, freundeten wir uns schnell an, besonders mit den taubstummen Latinas.
Gerne würde ich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher berichten, aber wegen Platzmangel und aus Gründen der Diskretion werde ich nun den Mantel des Schweigens über die Nacht von Havanna legen.
Am nächsten Morgen mussten wir spätestens um 7 Uhr wieder zurück an Bord der AROSA sein. Unsere Latinas und deren Freundeskreis begleiteten uns zurück zum Schiff, was bei den Straßenverhältnissen von Havanna nun wirklich nicht einfach war. Überall waren Schlaglöcher, und unsere gehörlosen Schieber konnten auf unsere Warnungen nicht so gut reagieren. Zudem war es auch noch ziemlich dunkel. Wir kamen gerade noch rechtzeitig aufs Schiff. Zum Glück, denn bei Verspätung muss man pro Minute 10 €uro zahlen. Pünktlich um 8 Uhr ertönte laut das Signalhorn der AROSA. Das war das Zeichen zum Ablegen.

An diesem Seetag, dem 3. auf unserer Kreuzfahrt, ließen sich die Herren der Schöpfung erst nachmittags auf dem Sonnendeck blicken. Auch ich begann diesen herrlichen Tag auf Deck 12 mit Kaffee und Kuchen. Ein riesiges Kuchenbüfett mit großer Auswahl stand hier jeden Tag bereit. Zu Essen und Trinken gab es immer etwas auf der AROSA, so hatte das ASIA Bistro 24 Stunden am Tag geöffnet.

Schließlich legte die AROSA freitags an unserem vorletzten Zielhafen Grand Cayman an. Aufgrund des starken Seegangs wurden wir mit kleinen Tenderbooten an Land gebracht. Grand Cayman ist nicht nur ein Urlauberparadies, sondern auch ein Steuerparadies. Die Insel beherbergt mit seinen 40.000 Einwohnern 560 Banken und über 300 Versicherungen. Für fast alle Kreuzfahrtschiffe ist Grand Cayman trotz des umständlichen tenderns offenbar ein Muss. Während unseres Landgangs auf Grand Cayman lagen noch 3 weitere Kreuzfahrtschiffe draußen vor Anker. Ca. 400.000 Übernachtungen gibt es jährlich auf Grand Cayman. Auf Grand Cayman ist der Straßenverkehr auffallend fußgängerfreundlich. Will man die Straße überqueren, halten die Autofahrer auch im dicksten Verkehr sofort an. Vor allem uns Rollstuhlfahrern kam dieses Verhalten sehr gelegen.

Nach einer Woche Kreuzfahrt verbrachten wir die 2. Woche auf Jamaika. Auf Jamaika hatten wir Pech mit dem Wetter. Die ersten 3 Tage regnete es fast ständig, was für Jamaika im Winter höchst ungewöhnlich ist. Allerdings war es ein angenehmer warmer Regen, den ich mir aber lieber auf meinem Bankkonto gewünscht hätte. Mit Wettsaufen und anderen neckischen Spielen wurden die hauptsächlich amerikanischen Touristen bei Laune gehalten. Was für Deutschland Mallorca, ist für Nordamerikaner Jamaika. Da heißt es immer, die Deutschen würden sich auf Mallorca nicht benehmen, aber die Amerikaner benehmen sich auf Jamaika auch nicht besser. Allerdings kann ich sagen, dass sie sich alle sehr behindertenfreundlich und hilfsbereit gezeigt haben. Ständig wurde ich gefragt: „Can I help you?“.

Die Jamaikaner sind ein sehr gastfreundliches Volk. Sie haben immer eine gewisse Coolness und Gelassenheit an sich, die einen immer wieder in erstaunen versetzt. „No problem“, irgendwie geht das schon. Bob Marley und Harry Belafonte sind die großen Söhne Jamaikas. Da die Ahnen der heutigen Jamaikaner im 16. und 17. Jahrhundert von Spaniern und Briten als Sklaven von Schwarzafrika in die Karibik verschleppt wurden, sind heutzutage fast alle Jamaikaner mit einer schwarzen Hautfarbe ausgestattet.1785 lebten auf Jamaika 25.000 Weiße und 250.000 Sklaven. Die indianischen Ureinwohner wurden durch Krieg oder durch eingeschleppte Krankheiten ausgerottet.

1655 eroberten die Briten Jamaika. Deshalb gibt es auf der Insel Linksverkehr, worauf man besonders als Rollifahrer höllisch aufpassen muss. Jamaika ist keine flache Bade-Insel, es gibt jede Menge zu sehen auf der mit 11.000 Quadratkilometern drittgrößten Insel der Karibik. Bei unserem Ausflug über die Insel fuhren wir durch die verschiedenen Landschaften Jamaikas, durch tropische Bergwälder und vorbei an blütenweißen Stränden. Hanf wächst hier wie Unkraut am Straßenrand und in fast jedem Küchengarten. Stefan Raab und Christian Ströbele (gebt das Hanf frei) hätten sicherlich ihre Freude daran. Am Straßenrand wurde uns des öfteren Marihuana zum Kauf angeboten, was wir aber immer dankend ablehnten. Schließlich ist GRABO-TOURS ein seriöses Reiseunternehmen.


Eine der Hauptattraktionen Jamaikas sind die Wasserfälle „Dunn’s River Falls“. Vom Regenwald stürzt hier klares, kühles Wasser über Felsterrassen an den Meeresstrand von Ocho Rios. Ortskundige Führer helfen für ein paar Dollar beim hinaufklettern der Askaden. Wie ein endloser Bandwurm tasten sich dann die Touristen Hand in Hand hinter dem Führer die glitschigen Stufen hinauf. Bis ganz nach oben sind es immerhin 200 m. Auf ein solches Vergnügen müssen wir als Rollifahrer leider verzichten. Allerdings gibt es verteilt über den ganzen Wasserfall Aussichtspunkte, von denen aus wir dem lustigen Treiben der tollpatschigen Touris zuschauen konnten.

Aber schließlich musste auch dieser Traum zu Ende gehen. Mit genügend Sonne im Gepäck traten wir nach 2 Wochen Urlaub die Heimreise an. Mit 2 ½ Stunden Verspätung landete unser Flieger am 2. Februar im kalten und verschneiten Deutschland. – Aus der Traum...


Klaus Sans, Nackenheim

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