| Es
war der Samstagmorgen des 18. Januar und es war bitterkalt in Deutschland
als sich am Frankfurter Flughafen ein reiselustiges Grüppchen
von 13 Personen traf, die es vorzogen dem Winter in Europa zu entfliehen
und stattdessen die warmen Temperaturen der Karibik zu genießen.
Keine Frage, unser Schiff, die AROSA BLU, ist ein sehr schönes
und großes Schiff mit insgesamt 14 Decks. Besonders fantastisch
sieht die AROSA in der Nacht aus, wenn sie in einem Hafen vor Anker
liegt und rundherum beleuchtet ist. Was wir da für einen Koloss
unter den Füßen haben, merkt man immer beim Ablegen von
der Pier. Zentimeterweise setzt sich das Schiff langsam in Bewegung,
entfernt sich vom Land und nimmt Fahrt auf. Dann erreicht die AROSA
eine Geschwindigkeit von 20 Knoten. Ist die Masse aus Eisen und Stahl
erst mal in voller Fahrt, dann ist sie nur schwer zu bremsen. Bei
einer Vollbremsung beträgt der Bremsweg immer noch 2 –
3 Kilometer. Schlechte Aussichten für Leute, die da unbedacht
in die Quere kommen. Ein Eisberg konnte uns in diesen Breiten zum
Glück nicht vor den Bug kommen. Trotz meiner mittlerweile 3.
Kreuzfahrt konnte ich bisher noch nie an einer Brückenbesichtigung
teilnehmen. Besichtigungen der Brücke und des Maschinenraums
seien seit den Terroranschlägen von New York unerwünscht.
Aber sei’s drum, unsere Reisegruppe bestand aus 7 Rollstuhlfahrern
und 6 Begleitpersonen, wobei sich die AROSA durchaus als rollstuhlfreundlich
bezeichnen lässt. Sie hat 10 Rollstuhlkabinen, die sich alle
in der Nähe eines Aufzuges befinden, sie haben breite Türen
und keine Stufen.
Die Dusche ist unterfahrbar und mit einem Klappsitz ausgestattet.
Auch die Toilettenschüssel ist in angenehmer Höhe angebracht.
Öffentliche Behindertentoiletten gibt es übrigens überall
auf der AROSA. Für Rollstuhlfahrer sind sie allerdings völlig
ungeeignet ,da sich vor allen Toiletten eine Stufe befindet. Ein Rollstuhlfahrer
kommt ohne fremde Hilfe also überhaupt nicht hinein. Was man
sich dabei gedacht hat, weiß ich auch nicht. Auf der AROSA befindet
sich das größte Theater, das in einem Kreuzfahrtschiff
auf den Weltmeeren unterwegs ist. Das Theater besitzt sogar extra
Stellplätze für Rollstuhlfahrer, die sind allerdings auf
der Zuschauertribüne ganz hinten. Man hat aber auch von hier
einen ganz passablen Blick. Das Theaterprogramm mit ziemlich viel
Operettenmusik fand ich nicht besonders anregend, da es wohl mehr
auf das etwas ältere Publikum zugeschnitten ist. Ein Kino gab
es auch auf der AROSA. Wir waren in „Harry Potter und der Stein
der Weisen“. Da sich auch hier die Rolliplätze ganz hinten
befinden, frönte fast unsere komplette Gruppe dem Erholungsschlaf.
Spät wurde es nämlich jede Nacht. Die Diskothek, der „Heavens
Club“ befand sich auf Deck 14, dem obersten Stockwerk. Hier
nahmen wir allabendlich nach der Poolparty noch einen Absacker zu
uns. Die 7 Aufzüge der AROSA waren niemals überfüllt
und brachten uns Rollifahrer überall hin. Ob wir jetzt nur deshalb
nicht vor den Aufzügen warten mussten, weil die AROSA nur zu
45% ausgebucht war, kann ich nicht beurteilen. Aufgrund des relativ
leeren Schiffes war jedenfalls überall genügend Platz, was
sich vor allem auf der Tanzfläche bemerkbar machte. Und dafür
ist man als Rollifahrer immer doppelt dankbar.
Während
unserer ersten Nacht an Bord der AROSA habe ich schlecht geschlafen.
Man merkt hier trotz der eingeschalteten Stabilis-satoren den Seegang
der Karibik, der doch etwas stärker ist als im Mittelmeer, geschweige
denn in der Ägäis. Bei einigen aus unserer Gruppe zeigte
der karibische Seegang am 1. Seetag seine Wirkung, aber mit den entsprechenden
Mittelchen bekamen wir dieses Problem schnell in den Griff. Während
unserer Fahrt nach Mexiko waren wir den ganzen Tag auf hoher See unterwegs.
An diesem Tag fand die übliche Seenotrettungsübung statt.
Wir begaben uns dazu im Rollstuhl zum angegebenen Treffpunkt und zogen
uns dort unsere Schwimmwesten an, die uns Max aus unseren verschiedenen
Kabinen geholt hatte. Unser Reiseleiter Max ist in solchen Dingen
bereits sehr versiert. Kein Wunder, das war mittlerweile seine 9.
Kreuzfahrt.
Der
Meeresboden befand sich laut Auskunft des Kapitäns einige 1.000
m unter uns. Auf hoher See und fernab von den Sorgen des Alltags macht
das Faulenzen auf dem Sonnendeck eindeutig am meisten Spaß.
Hierbei vertrieben uns die Sänger des AROSA-Showensembles mit
einigen Hits die Zeit. Was hätten wir nur gemacht, hätte
es die tägliche Bordzeitung mit den neuesten Nachrichten aus
Deutschland nicht gegeben. Heike und Tante Lilo wollten nämlich
unbedingt wissen, wer am Samstag bei „Deutschland sucht den
Superstar“ rausgeflogen ist. In den AROSA-News war so etwas
nachzulesen.
Montags
war unser 1. Landgang geplant. Am Morgen landeten wir auf der größten
mexikanischen Insel Cozumel. Sie ist 20 Kilometer von der mexikanischen
Halbinsel Yucatan entfernt. Wir machten hier bei herrlichem Wetter
eine Inselrundfahrt entlang der weißen Sandstrandküste,
und besuchten anschließend die sehr interessanten Majastätten
von San Gervasio, die uns von einem Fremdenführer genauestens
erklärt wurden. Die holprigen Wege der Majas waren nichts für
Rollstuhlfahrer. Bei den Majas gab es eben noch kein
Gleichstellungsgesetz für Behinderte.
Für
den Seeweg zwischen Mexiko und Havanna wurde wieder etwas mehr Zeit
benötigt, so wurde an diesem Tag bereits der erholsame 2. Seetag
eingelegt. So ein Seetag ist immer geeignet, um einmal das Schiff
zu inspizieren. Viele Gäste halten sich an einem Seetag auch
durch Jogging fit. Oder man geht ins Fitness- und Wellness-Studio
der Arosa oder in die Sauna. Verschiedenartige Massagen sind hier
im Angebot, Gymnastik und vieles mehr.
Mittwochmorgen
in Havanna ankamen, machten wir bei herrlichem Sonnenschein eine Stadtrundfahrt
in alten amerikanischen Oldtimern mit offenem Verdeck, war super.
Wir wurden dabei über den Malecon gefahren, vorbei am Platz der
Revolution, und über den riesigen Friedhof von Havanna. Als wir
an der streng bewachten amerika-nischen Botschaft vorbe-kamen, nahm
ich kurz meine alte Revoluzzermütze ab, um mit dem roten Sowjetstern
niemanden zu provozieren. Anschließend besichtigten wir noch
eine Zigarrenfabrik, in der die Angestellten ihre selbstgerollten
Zigarren unter der Hand für ein paar Dollar anboten.
Bei unserem
nächtlichen Kneipenbummel durch Havanna, machten wir unerwartet
Bekanntschaft mit einer anderen, einheimischen Behindertengruppe.
Sie waren allesamt taubstumm und wild gestikulierend unterhielten
sie sich miteinander. Das interessierte uns. Obwohl wir keine Taubstummensprache
und sie kein englisch verstanden, freundeten wir uns schnell an, besonders
mit den taubstummen Latinas.
Gerne würde ich an dieser Stelle noch etwas ausführlicher
berichten, aber wegen Platzmangel und aus Gründen der Diskretion
werde ich nun den Mantel des Schweigens über die Nacht von Havanna
legen.
Am nächsten Morgen mussten wir
spätestens um 7 Uhr wieder zurück an Bord der AROSA sein.
Unsere Latinas und deren Freundeskreis begleiteten uns zurück
zum Schiff, was bei den Straßenverhältnissen von Havanna
nun wirklich nicht einfach war. Überall waren Schlaglöcher,
und unsere gehörlosen Schieber konnten auf unsere Warnungen nicht
so gut reagieren. Zudem war es auch noch ziemlich dunkel. Wir kamen
gerade noch rechtzeitig aufs Schiff. Zum Glück, denn bei Verspätung
muss man pro Minute 10 €uro zahlen. Pünktlich um 8 Uhr ertönte
laut das Signalhorn der AROSA. Das war das Zeichen zum Ablegen.
An diesem
Seetag, dem 3. auf unserer Kreuzfahrt, ließen sich die Herren
der Schöpfung erst nachmittags auf dem Sonnendeck blicken. Auch
ich begann diesen herrlichen Tag auf Deck 12 mit Kaffee und Kuchen.
Ein riesiges Kuchenbüfett mit großer Auswahl stand hier
jeden Tag bereit. Zu Essen und Trinken gab es immer etwas auf der
AROSA, so hatte das ASIA Bistro 24 Stunden am Tag geöffnet.
Schließlich
legte die AROSA freitags an unserem vorletzten Zielhafen Grand Cayman
an. Aufgrund des starken Seegangs wurden wir mit kleinen Tenderbooten
an Land gebracht. Grand Cayman ist nicht nur ein Urlauberparadies,
sondern auch ein Steuerparadies. Die Insel beherbergt mit seinen 40.000
Einwohnern 560 Banken und über 300 Versicherungen. Für fast
alle Kreuzfahrtschiffe ist Grand Cayman trotz des umständlichen
tenderns offenbar ein Muss. Während unseres Landgangs auf Grand
Cayman lagen noch 3 weitere Kreuzfahrtschiffe draußen vor Anker.
Ca. 400.000 Übernachtungen gibt es jährlich auf Grand Cayman.
Auf Grand Cayman ist der Straßenverkehr auffallend fußgängerfreundlich.
Will man die Straße überqueren, halten die Autofahrer auch
im dicksten Verkehr sofort an. Vor allem uns Rollstuhlfahrern kam
dieses Verhalten sehr gelegen.
Nach
einer Woche Kreuzfahrt verbrachten wir die 2. Woche auf Jamaika. Auf
Jamaika hatten wir Pech mit dem Wetter. Die ersten 3 Tage regnete
es fast ständig, was für Jamaika im Winter höchst ungewöhnlich
ist. Allerdings war es ein angenehmer warmer Regen, den ich mir aber
lieber auf meinem Bankkonto gewünscht hätte. Mit Wettsaufen
und anderen neckischen Spielen wurden die hauptsächlich amerikanischen
Touristen bei Laune gehalten. Was für Deutschland Mallorca, ist
für Nordamerikaner Jamaika. Da heißt es immer, die Deutschen
würden sich auf Mallorca nicht benehmen, aber die Amerikaner
benehmen sich auf Jamaika auch nicht besser. Allerdings kann ich sagen,
dass sie sich alle sehr behindertenfreundlich und hilfsbereit gezeigt
haben. Ständig wurde ich gefragt: „Can I help you?“.
Die Jamaikaner
sind ein sehr gastfreundliches Volk. Sie haben immer eine gewisse
Coolness und Gelassenheit an sich, die einen immer wieder in erstaunen
versetzt. „No problem“, irgendwie geht das schon. Bob
Marley und Harry Belafonte sind die großen Söhne Jamaikas.
Da die Ahnen der heutigen Jamaikaner im 16. und 17. Jahrhundert von
Spaniern und Briten als Sklaven von Schwarzafrika in die Karibik verschleppt
wurden, sind heutzutage fast alle Jamaikaner mit einer schwarzen Hautfarbe
ausgestattet.1785 lebten auf Jamaika 25.000 Weiße und 250.000
Sklaven. Die indianischen Ureinwohner wurden durch Krieg oder durch
eingeschleppte Krankheiten ausgerottet.
1655 eroberten
die Briten Jamaika. Deshalb gibt es auf der Insel Linksverkehr, worauf
man besonders als Rollifahrer höllisch aufpassen muss. Jamaika
ist keine flache Bade-Insel, es gibt jede Menge zu sehen auf der mit
11.000 Quadratkilometern drittgrößten Insel der Karibik.
Bei unserem Ausflug über die Insel fuhren wir durch die verschiedenen
Landschaften Jamaikas, durch tropische Bergwälder und vorbei
an blütenweißen Stränden. Hanf wächst hier wie
Unkraut am Straßenrand und in fast jedem Küchengarten.
Stefan Raab und Christian Ströbele (gebt das Hanf frei) hätten
sicherlich ihre Freude daran. Am Straßenrand wurde uns des öfteren
Marihuana zum Kauf angeboten, was wir aber immer dankend ablehnten.
Schließlich ist GRABO-TOURS ein seriöses Reiseunternehmen.

Eine der Hauptattraktionen Jamaikas sind die Wasserfälle „Dunn’s
River Falls“. Vom Regenwald stürzt hier klares, kühles
Wasser über Felsterrassen an den Meeresstrand von Ocho Rios.
Ortskundige Führer helfen für ein paar Dollar beim hinaufklettern
der Askaden. Wie ein endloser Bandwurm tasten sich dann die Touristen
Hand in Hand hinter dem Führer die glitschigen Stufen hinauf.
Bis ganz nach oben sind es immerhin 200 m. Auf ein solches Vergnügen
müssen wir als Rollifahrer leider verzichten. Allerdings gibt
es verteilt über den ganzen Wasserfall Aussichtspunkte, von denen
aus wir dem lustigen Treiben der tollpatschigen Touris zuschauen konnten.
Aber schließlich
musste auch dieser Traum zu Ende gehen. Mit genügend Sonne im
Gepäck traten wir nach 2 Wochen Urlaub die Heimreise an. Mit
2 ½ Stunden Verspätung landete unser Flieger am 2. Februar
im kalten und verschneiten Deutschland. – Aus der Traum...
Klaus Sans, Nackenheim
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