Es war wieder einmal so weit, Grabo-Tours, der Abenteuer
liebende Reiseveranstalter für Behindertenreisen, wagte
im Januar dieses Jahres wieder eine Bahn brechende Tour. Schon
viele Länder und Kontinente wurden erkundet und viele
Tabus für Behindertenreisen wurden gebrochen, aber eine
solche Reise hatte es zuvor noch nicht gegeben.
Diesmal war der 7. Kontinent dieser Erde an der Reihe. Noch
nie hat eine Rollstuhlgruppe den Weg zum Land des ewigen Eises
auf sich genommen. Eine kleine Gruppe reiselustiger Rollifahrer
mit Helferteam wagte diesen Schritt Anfang des Jahres 2008.
Zunächst jedoch stand ein recht langer Flug nach Santiago
de Chile an. Müde in der chilenischen Hauptstadt angekommen,
mussten wir im Hotel feststellen, dass es dort leider keine
Behindertenzimmer in ausreichender Zahl gab. Unserer Hartnäckigkeit
war es zuzuschreiben, dass wir in einem Nebenhotel ein Ausweichzimmer
bekommen konnten. Leider fehlte bei der Ankunft auch eines
der Gepäckstücke, was nach mehrmaligem Nachfragen
zum Glück einen halben Tag später auftauchte.
Um keine Zeit zu verlieren, wurde kurz nach der Regelung
der Zimmerproblematik mit einem Großraumtaxi eine Stadtrundfahrt
mit Abstecher auf den San Christobal Hügel gemacht, um
in der geringen Zeit so viel wie möglich von der chilenischen
Hauptstadt kennen zu lernen.
Am nächsten Morgen stand ein atemberaubender dreistündiger
Flug über die schneebedeckte Andenkette bis nach Ushuaia/Feuerland
an, der südlichsten Stadt der Welt, am Ende der Pan Americana.
Das Wetter während des Fluges konnte besser nicht sein,
und wir konnten sowohl das Hochgebirge, als auch rauchende
Vulkane, Seen, Fjorde und Küstenlandschaft aus der Luft
bewundern. Wir waren uns einig, genau das war der passende
Beginn unserer Expedition ans Ende der Welt.
In Ushuaia angekommen, wurde uns auf dem Weg zu unserem Polarschiff,
der MS FRAM, eine Stadtrundfahrt mit Panoramablick geboten.
Die fast nagelneue MS FRAM wurde von der Hurtigruten Reederei
2007 in den Dienst gestellt. Wir gingen an Bord und das Abenteuer
konnte beginnen. Wir begaben uns auf die Fährte Amundsens.
Der Norweger Roald Amundsen hatte sich 1911 mit seinem Schiff,
der ersten FRAM, die heute in Oslo in einem Museum zu bewundern
ist, auf den Weg zum Südpol gemacht und erreichte diesen
im Dezember 1911 als erster Mensch der Welt. Wie gesagt, diese
Spur nahmen wir mit unserer neuen FRAM auf, um als erste Rolligruppe
fast 100 Jahre später den Eiskontinent zu erobern.
Bis zur ersten Sichtung der Antarktis hatten wir jedoch noch
einen zweitägigen, kühlen und schaukeligen Ritt
durch die sagenumwobene Drakepassage vor uns.
Wegen der Wetterkapriolen ist diese Meeresenge zwischen Südamerika
und der antarktischen Halbinsel unter Seefahrern gefürchtet
und hat bereits vielen tapferen Seemännern das Leben
gekostet.
Durch Stabilisatoren in den neuen Schiffen wird die Passage
zwar heute weitgehend der Schrecken genommen, aber es hat
uns dennoch ganz ordentlich durchgeschaukelt. Außerdem
waren uns natürlich noch die Fernsehberichte im November
letzten Jahres im Gedächtnis, als ein Expeditionsschiff
in der Antarktis sank, und unser Polarschiff, die MS FRAM,
die in Seenot geratenen Passagiere und Besatzung rettete.
Wir meisterten die Passage unbeschadet und konnten am Mittag
des dritten Tages die Südshetlandinseln erblicken. Während
der Überfahrt durch die Drakepassage wurden wir in mehreren
Vorträgen auf das, was uns in der Antarktis erwarten
würde, vorbereitet.
Wir wurden mehrmals darauf hingewiesen, dass geplante Anlandungen
kurzfristig abgesagt werden könnten und Ausweichanlandungen
versucht würden, da dieser Kontinent innerhalb von Minuten
sein Gesicht wechselt und die Antarktis auch für das
erfahrene Expetitionsteam an Bord stets unberechenbar bleibt.
Wir glaubten zunächst, dass diese Warnungen nur zur
Dämpfung der Erwartungen ausgesprochen wurden, aber dem
war nicht so. Bereits die erste Anlandung musste kurzfristig
für alle Reisenden abgesagt werden, da plötzlich
auftretende Fallwinde es unmöglich machten, unbeschadet
an Land zu gelangen.
Die zweite Anlandung am nächsten Tag auf Curverville
Island glückte, aber leider waren das Expeditionsteam
und der Kapitän zu besorgt, so dass man unsere Rolligruppe
nicht von Bord ließ. Vielleicht hatte da auch der Bordarzt
seine Hände im Spiel, der uns bereits bei der Abgabe
der medizinischen Statements skeptisch beäugte und so
tat, als seien wir kranke Menschen, die keinerlei Belastung
ertragen könnten.
Der Kapitän blieb skeptisch. Bei uns machte sich Unmut
breit, denn wir waren ja hergekommen, um alles mitzumachen
und nicht nur an der Antarktis vorbeizufahren. Nach einigen
Gesprächen mit dem Expeditionsteam und dem Kapitän
bekamen wir endlich das O.K.
Hurra! Bei der nächsten Fahrt sind wir dabei.
Und so war es dann auch. Wir bekamen ein eigenes Polarboot
mit Besatzung und konnten die Paradiesbucht ganz aus der Nähe
in ihrer ganzen Pracht und Schönheit bewundern.
Entgegen aller Erwartungen der super netten, aber vorsichtigen
Schiffscrew, funktionierte das Einsteigen der Rollstuhlfahrer
in die kleinen Boote mit Hilfe unseres mitgebrachten Flugzeugstuhls
und mit tatkräftigen Händen der Helfer reibungslos
und schnell. Na also, geht doch!
Wir konnten Pinguine, Robben, Kormorane und viele weitere
exotische Vögel neben der atemberaubenden Landschaft
und den Eisbergen sehen. Einige neugierige Pinguine begleiteten
unser Boot, sprangen aus dem Wasser und schauten nach uns.
Am Abend riss dann sogar noch der Himmel auf und wir waren
uns einig, diese Bucht trägt völlig zu Recht den
Namen Paradise Island.
In den nächsten Tagen wechselten sich wie vorhergesagt
die Wetterverhältnisse nahezu im Zehnminutentakt.
Wir glitten durch dichten Nebel, bevor dieser unvermittelt
aufriss, vorbei an tollen Gebirgsformationen und riesigen
Eisbergen, bevor es wieder diesig wurde. Es begann immer wieder
zu regnen und zu schneien.
Abends riss stets der Himmel schlagartig auf und die ganze
Pracht dieser tollen Landschaft mit den Gletscher bedeckten
Bergen war zum Greifen nah.
Von nun an waren wir auch bei nahezu allen Fahrten mit den
Zodiakbooten mit von der Partie.
Etwas skeptisch genehmigte uns das Expeditionsteam eine vollständige
Anlandung an der Arctowski Station auf King George Island,
Antarctika - wir gingen an Land.
Die Teamchefin des Expeditionsteams schaute unseren Reiseleiter
mit großen Augen an, als wir mit dem Polarboot am steinigen
und felsigen Strand ankamen.
Mit den Worten "Und hast Du einen Plan?" wurden
wir begrüßt. Natürlich hatten wir einen, und
zwar den Plan, an Land zu gehen!
Das Aussteigen über die Bordwand mit den Rollstühlen
gelang mit der kräftigen Hilfe aller ohne jegliche Schwierigkeiten.
Nun hatten wir das Expeditionsteam vollends verblüfft
und später meinten diese sogar: "Jetzt trauen wir
Euch alles zu und werden keine Fragen mehr stellen."
Alles lief reibungslos und selbst der Kapitän war restlos
begeistert. Er wollte sofort wissen, wo man denn so einen
Flugzeugstuhl kaufen kann. Na wo schon bei Grabo!
Wir hatten es also geschafft, wir standen gemeinsam, "Rollstuhl-
und Fußgängermenschen", harmonisch nebeneinander
auf der Antarktis und schauten im strahlenden Sonnenschein
über eine Bucht mit Pinguinen und Gletschern im Hintergrund.
Stille Tränen. Ein bewegender Moment für uns alle.
Wir wurden sogar höchstpersönlich vom Südpolforschungsleiter
der Arctowski Station als erste je dagewesene Rollstuhlfahrer
begrüßt. Wir waren überglücklich. Die
Mission war erfüllt und der letzte Kontinent dieser Erde
war von uns mit dem Rollstuhl erobert und für GRABO-Reisen
für tauglich befunden.
Unsere Antarktiseroberung wurde sogar von einem Filmteam
des NDR dokumentiert, das einen Bericht über die neue
FRAM und über die Antarktistour drehte.
Wir haben auf unserer Reise so viele digitale Bilder gemacht
wie nie zuvor auf einer Reise, aber leider können die
Fotos unsere Eindrücke nicht im Entferntesten wiedergeben.
Das, was wir erleben durften, kann man mit Worten und Bildern
kaum beschreiben, sondern nur mit eigenen Augen und mit eigenem
Herz erleben.
Leider ging unsere "Knaller-Rollireise" viel zu
schnell zu Ende und wir machten uns auf den Rückweg durch
die Drakepassage.
Auf der Reise wurde vom Schiffsteam ein Ausspruch geprägt,
der auch für unsere Gefühlslage sprach: "Erst
verliebt man sich in die Antarktis und dann bricht sie einem
das Herz." Die Eindrücke, die wir auf dieser Reise
sammeln konnten, sind mit Worten nicht zu beschreiben.