Mit dem Rollstuhl in die Antarktis

auf den Spuren von Roald Amundsen

Ein Expeditionsbericht von Thomas Funke

Es war wieder einmal so weit, Grabo-Tours, der Abenteuer liebende Reiseveranstalter für Behindertenreisen, wagte im Januar dieses Jahres wieder eine Bahn brechende Tour. Schon viele Länder und Kontinente wurden erkundet und viele Tabus für Behindertenreisen wurden gebrochen, aber eine solche Reise hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Diesmal war der 7. Kontinent dieser Erde an der Reihe. Noch nie hat eine Rollstuhlgruppe den Weg zum Land des ewigen Eises auf sich genommen. Eine kleine Gruppe reiselustiger Rollifahrer mit Helferteam wagte diesen Schritt Anfang des Jahres 2008. Zunächst jedoch stand ein recht langer Flug nach Santiago de Chile an. Müde in der chilenischen Hauptstadt angekommen, mussten wir im Hotel feststellen, dass es dort leider keine Behindertenzimmer in ausreichender Zahl gab. Unserer Hartnäckigkeit war es zuzuschreiben, dass wir in einem Nebenhotel ein Ausweichzimmer bekommen konnten. Leider fehlte bei der Ankunft auch eines der Gepäckstücke, was nach mehrmaligem Nachfragen zum Glück einen halben Tag später auftauchte.

Um keine Zeit zu verlieren, wurde kurz nach der Regelung der Zimmerproblematik mit einem Großraumtaxi eine Stadtrundfahrt mit Abstecher auf den San Christobal Hügel gemacht, um in der geringen Zeit so viel wie möglich von der chilenischen Hauptstadt kennen zu lernen.

Am nächsten Morgen stand ein atemberaubender dreistündiger Flug über die schneebedeckte Andenkette bis nach Ushuaia/Feuerland an, der südlichsten Stadt der Welt, am Ende der Pan Americana.

Das Wetter während des Fluges konnte besser nicht sein, und wir konnten sowohl das Hochgebirge, als auch rauchende Vulkane, Seen, Fjorde und Küstenlandschaft aus der Luft bewundern. Wir waren uns einig, genau das war der passende Beginn unserer Expedition ans Ende der Welt.

In Ushuaia angekommen, wurde uns auf dem Weg zu unserem Polarschiff, der MS FRAM, eine Stadtrundfahrt mit Panoramablick geboten. Die fast nagelneue MS FRAM wurde von der Hurtigruten Reederei 2007 in den Dienst gestellt. Wir gingen an Bord und das Abenteuer konnte beginnen. Wir begaben uns auf die Fährte Amundsens.

Der Norweger Roald Amundsen hatte sich 1911 mit seinem Schiff, der ersten FRAM, die heute in Oslo in einem Museum zu bewundern ist, auf den Weg zum Südpol gemacht und erreichte diesen im Dezember 1911 als erster Mensch der Welt. Wie gesagt, diese Spur nahmen wir mit unserer neuen FRAM auf, um als erste Rolligruppe fast 100 Jahre später den Eiskontinent zu erobern.

Bis zur ersten Sichtung der Antarktis hatten wir jedoch noch einen zweitägigen, kühlen und schaukeligen Ritt durch die sagenumwobene Drakepassage vor uns.
Wegen der Wetterkapriolen ist diese Meeresenge zwischen Südamerika und der antarktischen Halbinsel unter Seefahrern gefürchtet und hat bereits vielen tapferen Seemännern das Leben gekostet.

Durch Stabilisatoren in den neuen Schiffen wird die Passage zwar heute weitgehend der Schrecken genommen, aber es hat uns dennoch ganz ordentlich durchgeschaukelt. Außerdem waren uns natürlich noch die Fernsehberichte im November letzten Jahres im Gedächtnis, als ein Expeditionsschiff in der Antarktis sank, und unser Polarschiff, die MS FRAM, die in Seenot geratenen Passagiere und Besatzung rettete.

Wir meisterten die Passage unbeschadet und konnten am Mittag des dritten Tages die Südshetlandinseln erblicken. Während der Überfahrt durch die Drakepassage wurden wir in mehreren Vorträgen auf das, was uns in der Antarktis erwarten würde, vorbereitet.

Wir wurden mehrmals darauf hingewiesen, dass geplante Anlandungen kurzfristig abgesagt werden könnten und Ausweichanlandungen versucht würden, da dieser Kontinent innerhalb von Minuten sein Gesicht wechselt und die Antarktis auch für das erfahrene Expetitionsteam an Bord stets unberechenbar bleibt.

Wir glaubten zunächst, dass diese Warnungen nur zur Dämpfung der Erwartungen ausgesprochen wurden, aber dem war nicht so. Bereits die erste Anlandung musste kurzfristig für alle Reisenden abgesagt werden, da plötzlich auftretende Fallwinde es unmöglich machten, unbeschadet an Land zu gelangen.

Die zweite Anlandung am nächsten Tag auf Curverville Island glückte, aber leider waren das Expeditionsteam und der Kapitän zu besorgt, so dass man unsere Rolligruppe nicht von Bord ließ. Vielleicht hatte da auch der Bordarzt seine Hände im Spiel, der uns bereits bei der Abgabe der medizinischen Statements skeptisch beäugte und so tat, als seien wir kranke Menschen, die keinerlei Belastung ertragen könnten.

Der Kapitän blieb skeptisch. Bei uns machte sich Unmut breit, denn wir waren ja hergekommen, um alles mitzumachen und nicht nur an der Antarktis vorbeizufahren. Nach einigen Gesprächen mit dem Expeditionsteam und dem Kapitän bekamen wir endlich das O.K.

Hurra! Bei der nächsten Fahrt sind wir dabei.

Und so war es dann auch. Wir bekamen ein eigenes Polarboot mit Besatzung und konnten die Paradiesbucht ganz aus der Nähe in ihrer ganzen Pracht und Schönheit bewundern.

Entgegen aller Erwartungen der super netten, aber vorsichtigen Schiffscrew, funktionierte das Einsteigen der Rollstuhlfahrer in die kleinen Boote mit Hilfe unseres mitgebrachten Flugzeugstuhls und mit tatkräftigen Händen der Helfer reibungslos und schnell. Na also, geht doch!

Wir konnten Pinguine, Robben, Kormorane und viele weitere exotische Vögel neben der atemberaubenden Landschaft und den Eisbergen sehen. Einige neugierige Pinguine begleiteten unser Boot, sprangen aus dem Wasser und schauten nach uns.

Am Abend riss dann sogar noch der Himmel auf und wir waren uns einig, diese Bucht trägt völlig zu Recht den Namen Paradise Island.

In den nächsten Tagen wechselten sich wie vorhergesagt die Wetterverhältnisse nahezu im Zehnminutentakt.
Wir glitten durch dichten Nebel, bevor dieser unvermittelt aufriss, vorbei an tollen Gebirgsformationen und riesigen Eisbergen, bevor es wieder diesig wurde. Es begann immer wieder zu regnen und zu schneien.
Abends riss stets der Himmel schlagartig auf und die ganze Pracht dieser tollen Landschaft mit den Gletscher bedeckten Bergen war zum Greifen nah.

Von nun an waren wir auch bei nahezu allen Fahrten mit den Zodiakbooten mit von der Partie.
Etwas skeptisch genehmigte uns das Expeditionsteam eine vollständige Anlandung an der Arctowski Station auf King George Island, Antarctika - wir gingen an Land.

Die Teamchefin des Expeditionsteams schaute unseren Reiseleiter mit großen Augen an, als wir mit dem Polarboot am steinigen und felsigen Strand ankamen.
Mit den Worten "Und hast Du einen Plan?" wurden wir begrüßt. Natürlich hatten wir einen, und zwar den Plan, an Land zu gehen!

Das Aussteigen über die Bordwand mit den Rollstühlen gelang mit der kräftigen Hilfe aller ohne jegliche Schwierigkeiten. Nun hatten wir das Expeditionsteam vollends verblüfft und später meinten diese sogar: "Jetzt trauen wir Euch alles zu und werden keine Fragen mehr stellen."

Alles lief reibungslos und selbst der Kapitän war restlos begeistert. Er wollte sofort wissen, wo man denn so einen Flugzeugstuhl kaufen kann. Na wo schon bei Grabo!

Wir hatten es also geschafft, wir standen gemeinsam, "Rollstuhl- und Fußgängermenschen", harmonisch nebeneinander auf der Antarktis und schauten im strahlenden Sonnenschein über eine Bucht mit Pinguinen und Gletschern im Hintergrund.

Stille Tränen. Ein bewegender Moment für uns alle.

Wir wurden sogar höchstpersönlich vom Südpolforschungsleiter der Arctowski Station als erste je dagewesene Rollstuhlfahrer begrüßt. Wir waren überglücklich. Die Mission war erfüllt und der letzte Kontinent dieser Erde war von uns mit dem Rollstuhl erobert und für GRABO-Reisen für tauglich befunden.

Unsere Antarktiseroberung wurde sogar von einem Filmteam des NDR dokumentiert, das einen Bericht über die neue FRAM und über die Antarktistour drehte.

Wir haben auf unserer Reise so viele digitale Bilder gemacht wie nie zuvor auf einer Reise, aber leider können die Fotos unsere Eindrücke nicht im Entferntesten wiedergeben. Das, was wir erleben durften, kann man mit Worten und Bildern kaum beschreiben, sondern nur mit eigenen Augen und mit eigenem Herz erleben.
Leider ging unsere "Knaller-Rollireise" viel zu schnell zu Ende und wir machten uns auf den Rückweg durch die Drakepassage.

Auf der Reise wurde vom Schiffsteam ein Ausspruch geprägt, der auch für unsere Gefühlslage sprach: "Erst verliebt man sich in die Antarktis und dann bricht sie einem das Herz." Die Eindrücke, die wir auf dieser Reise sammeln konnten, sind mit Worten nicht zu beschreiben.

Informationen:
GRABO-TOURS-REISEN
66903 Ohmbach
Rennweilerstr.5
06386/7744 Fax: 7717
www.grabo-tours.de